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Zum Tod von Hermann Gremliza : Verstand statt Angst

Hermann L. Gremliza Bild: Picture-Alliance

Seine Schriften gehören wie ihr Verfasser zur linken deutschen Geschichte. Sie kennt nicht viele Arbeiten, die man so gern wieder liest wie seine. Zum Tod des Publizisten Hermann L. Gremliza.

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          Wer alte Texte von ihm liest, muss verzweifeln darüber, wie sehr die Linke ewig um dieselben Sünden herumeiert, die er ihr ausreden wollte. Als die westdeutsche Protestwelt in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern ergrünte, schrieb er ihr auf, dass sie mit der Entdeckung der neuesten Weltprobleme Frieden und Umwelt lediglich einer Bewusstseinsindustrie parierte, die „mit der linken Hand“ die „Produkte der hilflos fortschrittelnden Intelligenz“ verteilte, zum Beispiel das, was heute „Achtsamkeit“ und „Entschleunigung“ heißt, nämlich, wie Hermann L. Gremliza damals notierte, „Selbstfindung statt Solidarität“ und überhaupt „Bauch statt Kopf“. Im Gegensatz dazu ging es Gremliza um die „Wiedergewinnung des politischen Verstands, der Analyse statt des Feelings, der Erkenntnisse statt der Ängste, der Prioritäten statt der Liebhabereien. Ohne Welt keine Umwelt.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Ob diejenigen, die heute fürs Klima hungern oder mit dem Hirn streiken, das lieber hören als diejenigen es gehört haben, die damals wenigstens noch den Frieden zum Wald dazuliebten? Gremliza hatte als junger Mann wie ein Großteil seiner Intellektuellengeneration von Herbert Marcuse und Theodor W. Adorno erfahren, was man ablehnen musste. Im Gegensatz zu den meisten merkte er sich aber bei Adorno, den er bis zum Lebensende respektvoll einen „bürgerlichen Denker“ nannte, dass Schreiben und Denken mehr miteinander zu tun haben als Rohrpostanlage und Nachricht. Fast ein halbes Jahrhundert lang gab Gremliza die Zeitschrift „Konkret“ heraus. Vor ihm ging’s darin zu wie in der Achtundsechziger-WG, inklusive Fetischbilder von Frauen, mit ihm ging’s dann nicht mehr darum, neues Publikum unter Ausschüttung von Lockmitteln zu gewinnen, als vielmehr darum, die Gewissheiten des vorhandenen Publikums zu erschüttern. Die zeitweise einzige linke bis linksradikale Kioskpublikation zog Bewegungen an, verscheuchte sie aber, sobald sie zu Milieus gerannen.

          Berechnende Zuneigung erwiderte er nie

          Wo ihn andere nachäfften, mussten sie ihn vereinfachen; ihre berechnende Zuneigung erwiderte er nie. Er brachte Leute zusammen und stieß Leute von sich, aus Verstandesgründen, die er als Leidenschaften empfand. Sein Witz flammte beim Blick in das, was so gemeint und gedruckt wurde, oft in kuriosen Farben auf: „Niemand anders als die Vorsehung“ könne die Macht sein, der die „Hamburger Rundschau“ ihre Existenz verdanke, schrieb er 1992, denn „jeder irdische Verleger hätte sich an den Texten dieses Veranstaltungskalenders längst totgelacht“.

          Als ich ihn letztmals besuchen durfte, im November, sprach er davon, dass ihm die Zeit ausging, aber nicht die Gedanken. Das war für den Besucher tröstlicher als für den Gastgeber, bei dem man gute Drinks und guten Rat bekam. Als das lebhafte Gespräch den Schriftsteller Hubert Fichte streifte, erwähnte Gremliza, dass da, wo der Gast saß, auch schon Fichte gesessen hatte.

          Gremlizas Schriften gehören wie ihr Verfasser zur linken deutschen Geschichte; sie kennt nicht viele Arbeiten, die man so gern wieder liest wie seine, selbst, wo man nicht einsehen mag, was sie lehren. Er wollte zuletzt wohl auch ein Kochbuch schreiben; der Text hätte besser geschmeckt als alles, was gehobene Gastronomie je serviert hat. Am vergangenen Freitag ist Hermann Ludwig Gremliza neunundsiebzigjährig in Hamburg gestorben.

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