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200 Jahre Westfalen : Das Land hinter dem Bindestrich

Ob bei den nachträglichen Feierlichkeiten ähnliche Häppchen gereicht werden? Pumpernickel mit Rindstartar und gebackenem Sauerkraut Bild: Frank Röth

Wie feiert man den Geburtstag einer Provinz? Gar nicht, denkt man sich in Westfalen. Damit wird die Region ihrem Ruf als Spätentwickler gerecht – nachträglich feiern kann man auch in ein paar Monaten.

          Heute könnten sie Geburtstag feiern. Tun sie aber nicht. Kein Festakt im Friedenssaal des Historischen Rathauses zu Münster, kein Volksfest auf dem Schlossplatz, keine Festivitäten in Bielefeld, Paderborn oder Siegen, und in Dortmund gibt es bald, wenn ein schwarz-gelber Lkw um den Borsigplatz kurvt, etwas anderes zu feiern. Am 30. April 1815, noch vor Ende des Wiener Kongresses, untergliederte Friedrich Wilhelm III. das Königreich Preußen in zehn Provinzen, weshalb das Datum als „Geburtstag“ des politischen Westfalens angesehen wird.

          Doch viele Einwohner, so bestätigte eine Stichprobe gestern in Münster, wissen davon nichts. Was ja irgendwie typisch ist. Während im Rheinland, schon seit dem 12. April, dem Tag, an dem vor zweihundert Jahren die kaiserliche Meldung aus Wien eintraf, ein auf mehr als vierhundert Veranstaltungen aufgebauschtes Programm mit dem frechen Titel „Danke* Berlin!“ die Frohnaturen zwischen Aachen und Wuppertal, Andernach und Wesel bespaßt, herrscht in Westfalen tote Hose. Das passt ins Klischee seiner schwerfälligen und humorlosen Eingeborenen, eines „Volks“, so Heinrich Heine in „Deutschland. Ein Wintermärchen“, „so fest, so sicher, so treu, ganz ohne Gleißen und Prahlen“.

          Spätentwickler

          Aber vielleicht möchte Westfalen ja auch gar nicht feiern, wo es doch, seit dem 23. August 1946, als die britische Besatzungsmacht es mit der nördlichen Rheinprovinz vereinigte, zum Landesteil degradiert ist? Seitdem fühlt sich Westfalen zurückgesetzt, zum Land hinter dem Bindestrich. Gerade in der Kulturpolitik hat das zu Klagen darüber geführt, benachteiligt zu werden, „Westfalen kann und will nicht das Hinterland für die rheinischen Metropolen sein“, hieß es dann.

          Dabei ist Westfalen im Hinterherhinken bewandert: Universitäten wurden hier, bis auf den Sonderfall Münster, erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, die Moderne war bis in die fünfziger Jahre in Literatur, Kunst, Architektur und Musik relativ schwach vertreten, in den früh von der Textilkrise erfassten Regionen wurde durch den Aufbau von mittelständischen Möbel-, Chemie-, Elektro- und Maschinenbauunternehmen eine Industrialisierung nachgeholt, und bis sich in der Heimat von Pumpernickel und Pfefferpotthast das erste Restaurant drei Sterne erkocht, wird noch viel Wasser die Lippe hinunterfließen.

          Verspätung ist ein Signum Westfalens, und so entspricht es nur Mentalität und Tradition, dass der zweihundertste Geburtstag „westfälisch bescheiden“, wie der Landschaftsverband betont, begangen und nachgefeiert wird: Am 28. August wird in Dortmund die Ausstellung „200 Jahre Westfalen“ eröffnet.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

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