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Historiker-Kommentar : Keine Kritik am Bolschewismus!

  • -Aktualisiert am

Ulrich Herbert im Oktober 2008 beim Historikertag in Dresden Bild: Christian Thiel

Von dem angesehenen Historiker Ulrich Herbert sollte im Verso Verlag die „Geschichte Deutschlands im zwanzigsten Jahrhunderts“ erscheinen. Doch jetzt lehnt der Verlag das Buch ab. Die Begründung ist krude.

          Die Mail, die der Historiker Ulrich Herbert von seinem britischen Verleger dieser Tage bekam, beginnt mit einer Entschuldigung für langes Schweigen, bevor sie zur Sache kommt. Man habe sich geirrt und könne seine „Geschichte Deutschlands im zwanzigsten Jahrhundert“ nun doch nicht verlegen. Ernst, ja unüberwindlich seien die Meinungsverschiedenheiten in vielen politischen Fragen.

          Die Novemberrevolution von 1918, die radikale Linke in den sechziger und siebziger Jahren bis hin zu den Hartz-IV-Reformen, das alles bewerte man ganz anders, als es der namhafte Freiburger Historiker auf 1451 Seiten niedergeschrieben hat.

          Wie also sieht es der Verso Verlag? Man muss es wohl mit den Worten „irgendwie anders“ umschreiben, denn umfassend erklärt wird es nicht. Es hatte sich eine leise Distanz zwischen Verlag und Autor eingeschlichen, nachdem Herberts Buch in einer Rezension in dieser Zeitung ein „verhalten affirmatives“ Deutschland-Bild (F.A.Z. vom 27. Mai 2015) bescheinigt worden war. Ansonsten wurde es in Deutschland durchweg anerkennend besprochen, war übersetzt und lektoriert und sollte im Oktober erscheinen.

          Dumpfer Konservatismus oder Rechtslastigkeit wurde ihm nirgends unterstellt. Der Verlag bat Herbert um Stellungnahme, was an sich schon ein ungewöhnlicher Vorgang ist, und im Verlauf des kurzen Mail-Wechsels wurde klar: Kritik an Bolschewismus und Oktoberrevolution sind bei Verso tabu. Weiteren Dissens gab es nicht.

          Was Verso Books seinem Nun-doch-nicht-Autor nicht mitgeteilt hatte, war, dass man ihn als Gegenposition zu rechtskonservativen Historikern und als Zugpferd für die linke Verlagspolitik einspannen wollte. Den entscheidenden Wink zum Rechteerwerb hatte dem Verlag eine Rezension des Historikers Geoff Eley gegeben, der das Buch als linke Alternative zu konservativen Darstellungen gepriesen hatte. Links, aber in der neuen Orthodoxie des Verso-Verlags nicht links genug: Man war an die falsche Adresse geraten. Das teilt Herbert die Mail des Verlegers recht unverfroren mit.

          Sie schließt mit einer Glücksbotschaft der perfideren Art. Er könne ja nun zur Oxford University Press abgeschoben werden, die sich inzwischen ganz außerordentlich für sein Buch interessiere. Dem Vertrag fehlt nur noch die Unterschrift. Für Herbert eigentlich ein Grund zur Freude, aber der Anlass ist traurig.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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