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Verschwörung planetarisch : Kardinal Müller als Perry Rhodan?

Derzeit buntester Hund der Orthodoxie: Gerhard Kardinal Müller Anfang Juli 2017 im Mainzer Dom Bild: Picture-Alliance

Der Feind ist unsichtbar, deshalb erübrigen sich Belege: Hinter der Pandemie-Bekämpfung wittern einige Kardinäle und Bischöfe den Auftakt zur Weltregierung.

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          Am Sonntag hatte Gerhard Kardinal Müller das Rezeptionsgeschehen beklagt, das sich um den Pandemie-Aufruf hochrangiger Kirchenleute rankt: „Dadurch, dass ich als Kardinal irgendwie als der Hauptprominente dieses Textes angesehen wurde, hat sich die Wahrnehmung auf mich konzentriert.“ Die Zustimmung zu diesem Text, der sich wie das Klischee eines Verschwörungsschreibens liest, hat der Kardinal nicht etwa zurückgenommen. Stattdessen geht Müller, prominent als ehemaliger Präfekt der Glaubenskongregation und derzeit buntester Hund der Orthodoxie, zum Angriff über: „Jeder nennt jetzt jeden Andersdenkenden Verschwörungstheoretiker.“

          So weit, so undurchsichtig

          Wie auch nicht bei diesem Dokument des Obskurantismus, dieser Kampfschrift „gegen einen unsichtbaren Feind“? Unter dem biblischen Motto „Die Wahrheit wird euch frei machen“ wird im Zusammenhang mit „illiberalen Maßnahmen“ erklärt: „Der Kampf gegen Covid-19, so ernst er auch sein mag, darf nicht als Vorwand zur Unterstützung undurchsichtiger Absichten übernationaler Organisationen und Gruppen dienen.“ So weit, so undurchsichtig diese Insinuation. Ohne darauf einzugehen, dass es über die Verfassungsgemäßheit, die Liberalität oder Illiberalität von Corona-Maßnahmen weltweit eine politisch kontrovers geführte Debatte gibt, heißt es im biedersten anarchistischen Kauderwelsch: „Diese illiberalen Maßnahmen sind der beunruhigende Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht.“ In diesem Sinne werde das Virus auch als „Vorwand“ benutzt, um die „Auslöschung der christlichen Zivilisation“ zu befördern.

          Anarchistische Gottesregierung

          Nicht Perry Rhodan und das Star-Trek-Universum halten hier als Gewährsmächte für die Weltregierungs-These her, sondern Hauptprominente des Schwarzen Blocks der kirchlichen Anarchiebewegung. Als mutmaßliche Agenten des himmlischen Weltenherrschers lesen sie das Emblem der irdischen Herrschaftskritik, dieses große A in einem Kreis, als Alpha und Omega des Christus-Symbols. Eine fromme Verschwörungsphantasie stellt sich ein: Die Planstelle der Weltregierung soll, bevor sie von den Falschen besetzt wird, lieber gleich theokratisch ausgefüllt werden, mit einem Weltkanzler Müller als Hauptprominentem im planetarischen Regierungskabinett. Fällt dem Kardinal ein Grund ein, warum auf dem Aufruf kein Segen liegen könnte? So möge er jetzt sprechen oder für immer schweigen.

          Christian Geyer-Hindemith
          (gey), Feuilleton

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