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Kultur-Kürzung beim WDR? : Ohne Worte

  • -Aktualisiert am

Köln: Das Funkhaus des Westdeutschen Rundfunks Bild: dpa

Im Verbrämen der schrittweisen Abschaffung von Literaturkritik ist der öffentliche Rundfunk ganz groß. Was lässt man sich beim WDR einfallen, um den geplanten Rückbau als Erfolg auszugeben?

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          Wenn etwas abgeschafft wird, geht das oft mit einer Verbrämung einher. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und insbesondere, wenn es um die Abschaffung von Kultursendungen geht, ist man darin besonders geübt. Als der Hessische Rundfunk 2019 plante, seine Kulturwelle HR2 zu einer „durchhörbaren“ Klassikwelle zu machen, nannte er den geplanten Abriss natürlich „Transformationsprozess“ und die Abrissbirne nicht Abrissbirne, sondern „Kultur-Unit“. Als sich starker Protest dagegen regte, musste der Sender erst noch eigens hervorheben, HR2 werde „selbstverständlich nicht ‚wortfrei‘ sein, sondern stärker um die Klassik zentriert“.

          Als der NDR 2020 sein Literaturjournal abschaffte, hoffte man dort, „die Inhalte der Literaturberichterstattung jenseits eines Sendeplatzes für mehr Menschen zeitunabhängig zugänglich zu machen“: ein erstaunlicher Sprechakt, um Literatur ins Jenseits zu befördern. Und nachdem nun bekannt wurde, dass der WDR laut einem Schreiben an seine Rezensenten vom vergangenen Freitag beschlossen hat, die täglichen Buchbesprechungen im Magazin „Mosaik“ auf WDR einzustellen und der Literatur künftig eine wesentlich geringere Rolle in dem Kulturmagazin einzuräumen, erschien gestern eine Art Selbstinterview des Senders mit dem WDR3-Programmchef Matthias Kremin, der bestritt, dass es sich um Kürzungen handle, es seien vielmehr nur Veränderungen geplant, um Literatur in anderen Formaten „zeitgemäß zu vermitteln“. Einerseits bestreitet Kremin, Rezensionen abschaffen zu wollen, andererseits sagt er, der WDR entwickle „zurzeit Ideen und Vorschläge, wie Literatur neben klassischen Rezensionen auch in neuen Formen vorkommen kann“, natürlich „um noch mehr Menschen für Literatur zu begeistern“.

          Hinter den Kulissen klingt sowas freilich oft etwas anders. Beim HR sagte der Hörfunkdirektor damals vor Mitarbeitern, Hörer würden vom Begriff „Literatur“ abgeschreckt. Und beim WDR, hört man, sei in dem besagten Brief aus der Literaturredaktion an die freien Mitarbeiter, die nun plötzlich ohne Aufträge dastehen (was angesichts der Pandemie-Auswirkungen ein zusȁtzlicher Skandal ist), auch starkes Bedauern ausgedrückt worden – verbunden mit einem Vergleich um die Sprachbilder des Abreißens und des Neubetonierens.

          Wer wurde zuerst zynisch?

          Der Zynismus war zuerst bei den Programmverantwortlichen, die den Kultur- und Kritikabbau verantwortet und dann verbrämt haben: Da ist sich auch die Kritikerin Insa Wilke sicher, die nun zusammen mit vielen Kollegen einen offenen Brief an die WDR-Intendanz gerichtet und gleichzeitig eine Petition auf Change.org formuliert hat. Sie beklagt die Unterschätzung der WDR3-Hörer: „Offenkundig gehen die Entscheidungsträger im WDR davon aus, dass das Publikum nicht mehr in der Lage ist, sechs Minuten lang einer schlüssigen Argumentation zu folgen. Oder ist das frühere Kernpublikum des ‚Kulturradios‘ WDR3 gar nicht mehr die Zielgruppe des Senders?“

          Dieser Eindruck entsteht in der Tat immer wieder, und meist wird er auch mehr oder weniger verbrämt von den Programmverantwortlichen bestätigt. Um sich ihre Zielgruppe vorzustellen, muss man nur ein paar Minuten lang das erste Programm des WDR, „Eins Live“, hören, das seit den neunziger Jahren vom Jugend- zum Babysender regrediert ist. „Der WDR predigt Diversität und kulturelles Engagement, sein Handeln spricht eine andere Sprache“, heißt es ferner in dem Brief. Ob Intendanten diesen Satz verstehen können?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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