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Verrückte Buchtitel : Lost in Translation

  • -Aktualisiert am

Für Hölderlin war das Heidelberger Schloss eine Burg. Eine solche erkennt auch die künstliche Intelligenz, die Buchtitel aus dem Englischen rückübersetzt, in einem berühmten Titel von Franz Kafka. Bild: dpa

Mit Kafka auf der Burg, mit Alice Munro auf der Balz, mit T.E. Lawrence in der Minze: Wer auf dem digitalen Marktplatz nach antiquarischen Büchern sucht, macht überraschende Funde, die die Literaturgeschichte verändern.

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          Kennen Sie Franz Kafkas Klassiker „Die Burg“? Oder vielleicht „Die Geliebte gibt Lotte in Weimar“ von Thomas Mann – nein? Dann wenigstens „Spielen Sie als es legt“ von Joan Didion? Auf Ebay kann man diese Bücher kaufen. Zumindest scheint es so, denn es existieren Einträge mit diesen Titeln. Erst wer genauer hinschaut, merkt, was daran faul ist. Die Titelangaben beruhen auf automatischen Übersetzungen.

          Große digitale Verkaufsplätze haben inzwischen häufig ein System der automatischen Übersetzung von Warenbezeichnungen installiert, das für den Weltmarkt im Allgemeinen bestimmt hilfreich, für Büchersammler indes sehr irreführend ist. T.E. Lawrence’ Roman „The Mint“, so benannt nach dem englischen Wort für Münzprägeanstalt, das im Buch als Metapher für die Armee dient, hieß auf Deutsch früher „Unter dem Prägestock“. Bei einer Ebay-Suche nach der Erstausgabe findet man ihn nun unter dem Titel „Minze“.

          Neue Märkte erschließen?

          Weitere Dachbodenfunde: „Meister eingedickt – Ein Marchen in sieben Abenteuern“ von E.T.A. Hoffmann, „Mond ist Down“ von John Steinbeck oder „Hateship Freundschaft Balz Loveship Ehe“ von Alice Munro. Anfrage also bei der Ebay-Pressestelle: Warum ist das so? Antwort: „Grenzüberschreitender Handel nimmt bei deutschen Händlerinnen und Händlern einen immer größeren Stellenwert ein.“ Wenn diese ihre Angebote international verkaufen und „neue Märkte erschließen“ wollten, sei es wichtig, „dass ihre Angebote in der jeweiligen Landessprache angezeigt werden“. Das nun mutet in Bezug auf Bücher einigermaßen kurios an – und da folgt auch schon die Einschränkung: „Für Buchtitel werden jedoch aktuell keine automatischen Übersetzungen bei eBay vorgenommen, um genau die von Ihnen beschriebene Verwirrung zu vermeiden.“

          Die Botschaft hören wir wohl, sie trifft womöglich auch im Großen und Ganzen zu, aber durchaus nicht immer, wie die Beispiele zeigen, besonders bei ausländischen Verkäufern nicht. Manchmal erzeugt der „europäische Verkaufsbeschleuniger“, als den Ebay die Übersetzungs-Software bezeichnet, auch Mischmasch mit Soße: „Seltene 1948 Franz Kafka 1st in Strafkolonie Metamorphosen 1st US Edition Geschenkidee“. Ob das den Verkauf fördert oder gar zu einer Schenkung anregt? Oder „Demian – Hermann Hesse schreiben wie Emil Sinclair“ – diesen Titel hat ja wohl Meister Yoda verfasst!

          Natürlich werden die Optimisten der Künstlichen Intelligenz einwenden, es sei nur eine Frage der Zeit, bis das alles ausgereift ist. Derweil amüsieren und gruseln wir uns noch ein bisschen weiter angesichts eines Titels, der fast schon an poetische Intelligenz der Maschine glauben lässt und diese geschickt mit merkantilistischem Geist vereint: Wer auf Ebay nach besonderen Thomas-Mann-Ausgaben stöbert, findet „Joseph, der Anbieter“.

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

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