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Verpönte Spätfassungen : Ästhetische Ideologie

  • -Aktualisiert am

Warum ist „Der Grüne Heinrich“ im Buchhandel auf Anhieb nur in der ersten Fassung zu haben? Warum schlägt die Zweitfassung mit annähernd hundert Euro zu Buche? Steckt dahinter etwa eine ästhetische Ideologie?

          Neulich in einer großen Buchhandlung auf der Suche nach Gottfried Kellers Roman „Der Grüne Heinrich“. Reiche Ausbeute, mehrere Taschenbuchausgaben. Und doch nicht die gewünschte. Der Roman ist in zwei Fassungen überliefert. In der ersten endet er verschattet, um nicht zu sagen: düster, verfinstert. Keller selbst sprach vom „Zypressendunkel“ des ersten Schlusses.

          In der zweiten, sehr viel späteren Fassung, mit einem märchenhaft schönen und süßen, obwohl keineswegs süßlichen Ende, gelingt und glückt Heinrichs Liebe zur früh angebeteten Judith. Sie war uns seit der frühen Lektüre ans Herz gewachsen, diese und keine andere Version wollten wir verschenken. Nun waren alle Ausgaben, die der Laden vorrätig hatte, solche der ersten Fassung: von Reclam, Insel, Fischer, Goldmann und von dtv.

          Die Ideologie will es anders

          Die zweite Fassung gibt es zwar, aber nicht jeder kann die 92 Euro hinlegen, die „Der Grüne Heinrich“ beim Deutschen Klassiker Verlag kostet; preisgünstiger ist sie bei Diogenes, Könemann, Artemis und Winkler, Patmos zu haben. Nur ist diese gerade nicht vorrätig, gegen die Konkurrenz der namhaften Publikumsverlage kommt sie offenbar nicht an, man muss sie eigens suchen, nachfragen, bestellen. Vielleicht handelt es sich um eine Täuschung aus der bloß anekdotischen Evidenz eines Einzelfalles. Und doch will es scheinen, als stehe dahinter eine bestimmte ästhetische Ideologie. Die frühere, vom Autor selbst verworfene hart-desillusionierende Fassung gilt als die authentischere, weil rauhere, ungeglättete; die spätere, liebliche, gilt fast schon als korrumpiert. Das Fragment und der Entwurf stehen höher als das ausgeführte Werk, dieses ist geradezu verpönt.

          Bei den Symphonien Bruckners war es vor ein paar Jahren ähnlich: Die vom Komponisten überarbeiteten Spätfassungen führte man auf die Einrede ästhetisch inkompetenter Freunde zurück, der sich Bruckner leider anbequemt habe. Dabei kann jeder Kenner die Unvollkommenheiten der ersten Fassung etwa der Dritten Symphonie analytisch darlegen. Aber die Ideologie will es anders – und die Intentionen von Autor und Komponist haben das Nachsehen.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

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