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Vernetztes Fahren : Das Geschäft mit den intimen Daten aus dem Auto

Der Computer ist immer an Bord: Hier zumindest sieht man ihn. Bild: AFP

Das Auto war bisher ein weißer Fleck auf der Landkarte der Datensammler. Doch Autokonzerne und IT-Unternehmen wollen sich gemeinsam einen Milliardenmarkt erschließen. Auf dem Verkehrsgerichtstag in Goslar, der am Mittwoch beginnt, wird das Thema zum ersten Mal verhandelt.

          Autos sind für IT-Konzerne ein Ärgernis. Menschen, die ein Auto steuern, googlen nicht, sie bestellen nichts online, sie kapseln sich nicht nur hinter dicken Scheiben von der Umwelt ab, sondern auch von den meisten Datenströmen. Das Auto ist die letzte Insel, auf der – anders als Zuhause - das Privatsein noch nicht völlig durchwirkt ist von Google, Apple, Microsoft -  bisher war man im Regelfall entweder auf einer Autobahn oder auf einer Datenautobahn, aber nicht beides gleichzeitig.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Bisher: Denn seit einigen Monaten sieht man Vertreter beider Branchen, von Autoherstellern und IT-Konzernen, auf den großen Messen der anderen Seite herumlaufen. In Las Vegas bei der Consumer Electronic Show (CES), wo man traditionell vor allem die Freunde von Spielkonsolen traf, tauchte plötzlich Audi-Chef Rupert Stadler auf, in Detroit, wo man bisher ratlos in die Chromgeweihe amerikanischer Trucks starrte, traten die Führungskräfte von Facebook, Google, IBM oder Microsoft an: Kass Dawson erschien Berichten zufolge für Facebook, Karen Newman von IBM Global Business Services war Eröffnungsrednerin des Automotive News Congress.

          Ein falsches Freiheitsversprechen

          Es geht um ein Milliardengeschäft – nicht nur von den Summen, sondern allein schon von den Konsumenten her. Eine Milliarde Menschen, so die Experten, fahren im Schnitt eine Stunde pro Tag Auto, ohne dabei mit dem Internet zu tun zu haben. Sie produzieren keine Daten währenddessen und sie konsumieren auch keine, eine Horrorvorstellung für echte Datenkraken. Also stürzen sich Apple und die anderen IT-Konzerne mit ihrer Technologie aufs Auto: Google kooperiert mit Audi, Hyundai führt vor, wie man beim Autofahren die Datenbrille Google Glass benutzen könnte.

          In der Branche wird all das als Fortschritt und als Steigerung von Sicherheit und Fahrkomfort gefeiert, aber eigentlich wird mit der Computerisierung des Autos das, was bisher seinen Reiz ausmachte, sein Versprechen, zerstört: abgeschirmt von der Außenwelt durch den öffentlichen Raum zu gleiten, unbeobachtet aufzubrechen, zu fliehen, allein Herr seiner Wege zu sein. Neben diesem grundlegenden emotionalen Einschnitt in die Geschichte des Automobils und seiner Freiheitsversprechen werfen die neuen Allianzen düstere Fragen auf: Die Vernetzung von Verkehrs- und Motordaten macht Autos anfällig für Angriffe von Hackern.

          Auto und Computer als rollende Einheit

          Schon heute hat die Polizei Zugriff auf die Motorelektronik von Fluchtwagen: wo früher verfolgt, gerammt und ausgebremst werden musste, reicht heute ein Kommando, und der Fluchtwagen bleibt stehen (wenn es kein Oldtimer ist). Vor allem aber stellen sich rechtliche Fragen. Das Auto sammelt intime persönliche Informationen über seinen Fahrer: Selbst der neue VW Passat ermittelt, wann der Fahrer eine Kaffeepause braucht und blendet im Cockpit eine Kaffeetasse mit einem Fragezeichen ein. Wenn einer dann nicht anhält, weiterfährt und unschuldig in einen Unfall verwickelt wird, stehen seine Chancen schlechter, wenn die Fahrzeugdaten ausgelesen werden, seine Unschuld zu beweisen. Bewegungsprofile, aggressives Fahrverhalten – vieles wird lautlos vom Auto aufgezeichnet und kann gegen den Fahrer verwendet werden.

          Mit der Verschmelzung von Auto und Computer zu einer rollenden Einheit stellen sich neue, fundamentale Fragen: Wenn ich ein Auto kaufe, dann gehören mir die Reifen, das Radio – aber wem gehören die Fahrzeugdaten? Braucht die Polizei einen Untersuchungsbefehl, um an die Daten des Autos zu kommen? Welche Informationen dürfen auf elektronischem Weg ausgespäht werden? Die Frage, wem Fahrzeugdaten gehören und wer sie nutzen darf, die dieser Tage in Goslar von Experten wie Jürgen Bönninger, Vorstand der FSD Fahrzeugsystemdaten GmbH, diskutiert werden wird, ist kein Nebenschauplatz und kein juristisches Glasperlenspiel: Es geht um einen Milliardenmarkt – und um einen massiven Angriff auf einen der letzten großen Räume der Privatsphäre und der Selbstbestimmung, der Millionen von Autofahrern unmittelbar betrifft.

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