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Verleihung des Friedenspreises : China, zerbrich!

Preisträger Liao Yiwu (Mitte) neben Bundespräsident Gauck in der Frankfurter Paulskirche Bild: dpa

Der exilierteSchriftsteller Liao Yiwu erhält in Frankfurt den Friedenspreis. Seine Dankesrede hat es in sich: Sie fordert nicht weniger als das Ende des chinesischen Staates in seiner jetzigen Form.

          Die Rede klang friedlich, aber sie war es nicht. Sechsmal erklang in der Frankfurter Paulskirche an diesem Sonntagmorgen der beschwörende Satz „Dieses Imperium muss auseinanderbrechen“, und Liao Yiwu sprach ihn sechsmal auf Deutsch aus. Der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels forderte in seiner Dankesrede nicht weniger als das Ende des chinesischen Staatsverbunds: „Ein Land, das kleine Kinder massakriert, muss auseinanderbrechen - das entspricht der chinesischen Tradition.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Liao spielte damit auf Lü Peng an, einen neunjährigen Jungen, der 1989 von Sicherheitskräften bei der Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung erschossen worden war. Die damaligen Ereignisse auf dem und rund um den Platz des Himmlischen Friedens sind für Liao nur der jüngste Sündenfall eines Staatsverständnisses, das die Bedürfnisse derer ignoriert, für die der Staat geschaffen wurde. Der Schriftsteller hat es am eigenen Leib erfahren müssen, als er wegen seines Gedichts „Massaker“, das die brutale Armeeaktion vorwegnahm, vier Jahre im Gefängnis verbringen musste. Nach seiner Freilassung war seine bürgerliche Existenz zerstört; im vergangenen Jahr ist er nach Deutschland geflohen.

          Für ein China der Regionen

          Hier erscheinen nun seine Bücher, gerade erst „Die Kugel und das Opium“, ein Gesprächsband über die chinesischen Inhaftierten der Bürgerrechtsbewegung von 1989. Hier wird er mit renommierte Preisen ausgezeichnet: 2011 mit dem Geschwister-Scholl-Preis, nun mit dem Friedenspreis. Und hier bringt man ihm größten Respekt entgegen. Unter den Zuhörern in der Paulskirche waren Bundespräsident Gauck, der hessische Ministerpräsident Bouvier, der Frankfurter Oberbürgermeister Feldmann, die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, der ehemalige Bundespräsident von Weizsäcker, die früheren Friedenspreisträger Alfred Grosser, Friedrich Schorlemmer und Boualem Sansal, Wolf Biermann, Günter Wallraff, Necla Kelek - kurz: eine ganze Riege politisch höchst engagierter Gäste. Am Ende feierten sie den neuen Friedenspreisträger mit stehenden Ovationen. In China darf nicht einmal sein Name straflos genannt werden.

          Liao erhofft sich trotzdem eine Rückkehr in die Heimat, aber er weiß, dass dafür das System fallen muss. Doch er will noch mehr: Sein Ruf nach dem Zusammenbruch Chinas in dessen heutiger Gestalt greift zurück auf die chinesische Geschichte vor der Reichseinigung durch Qin Shihuang im dritten vorchristlichen Jahrhundert. Damit erst, so Liao, sei die verhängnisvolle Rücksichtslosigkeit gegen die Bevölkerung und der Hass auf die Intellektuellen aufgekommen, die seitdem die Geschichte Chinas prägen. Nur eine Rückkehr zu einem China der Regionen, zu möglichst kleinen politischen Einheiten, verspricht in seinen Augen einen Ausweg.

          Historische, philosophische und soziologische Erörterungen

          Eine provokativere Forderung ist für eine autoritäre Einheitspartei nicht vorstellbar. Liao Yiwu begründete damit eine neuen Rolle seiner selbst: als Radikalreformer seines Landes. Er stellt nun die raison d’être der Volksrepublik als Nachfolgerin des Kaiserreichs in Frage. Und das in einer ganz ruhigen, beinahe stoisch auf Chinesisch vorgetragenen Rede, in der die fremdartig klingenden sechs deutschen Sätze wie Zäsuren eingebaut waren, nach denen die historische, philosophische und soziologische Erörterung Liaos jeweils neu einsetzte.

          Felicitas von Lovenberg hatte in ihrer Laudatio auf den Friedenspreisträger gefragt, ob uns das modernisierte China wirklich vertrauter geworden sei, und die Frage dann entschieden verneint. Erst ein Mann wie Liao, der dem Einheitsgesicht des Staates die Vielzahl der Gesichter seiner Bürger entgegensetzt, könne echten Einblick gewähren - „nicht im Namen der Geschichte, sondern im Namen der Wirklichkeit“. Die Pointe von Liaos Rede war dann aber gerade der Rückgriff auf die historische Zeit vor der Reichseinigung, um ein kulturell begründetes Ideal Chinas zu verkünden, das keinen staatlichen Zusammenhalt braucht, sondern einen geistigen.

          Plädoyer für eine chinesische Zukunft

          Dass Liao sich ganz in die Tradition der dortigen Volkskünstler stellt, zeigte der Abschluss seiner Dankesrede, als er in den aufbrausenden Beifall hinein vom Pult stieg und vorne vor dem Publikum zwei Klangschalen leise Klagetöne entlockte. Dazu sang er ein Lied: „Die Mütter von Tian’anmen“. Er sang von einer Mutter, die ihr erschossenes Kind beweint, und so führte das Ende der Rede wieder an deren Beginn, zurück zu dem kleinen Lü Peng, dessen gewaltsamer Tod Liao den Anlass gab, einem ganzen Staat das Ende zu prophezeien. Doch in der letzten der drei Strophen wechselte die Singstimme zu einem anderen, einem lebenden Kind, das seine Mutter bittet, sich doch ihm zuzuwenden: „Endlos ist die Welt der Menschen, zartgrün das Gras auf den Gräbern. / Mutter, / Was nutzt dein Klagen?“

          Das ist Liaos Plädoyer für die Lebenden, für eine chinesische Zukunft, die sich auf das besinnt, was China sein soll, eine Gemeinschaft von Gleichberechtigten. Nach der Stoik des Vortrags das Pathos des Gesangs - der Saal saß gebannt. Dann erhob er sich, und Herta Müller, die ihren chinesischen Freund Liao Yiwu als Letzte umarmte, hatte Tränen in den Augen.

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