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Verleger und Diplomat : Lord Weidenfeld gestorben

  • Aktualisiert am

Lord Weidenfeld im Oktober 2014 in Passau Bild: dpa

Er war vor den Nationalsozialisten aus Wien geflohen, hatte die Bücher Haffners, Fests und Speers nach Großbritannien gebracht und den ersten Präsidenten Israels beraten: Der britische Verleger Lord Weidenfeld ist im Alter von 96 Jahren gestorben.

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          Der britische Verleger und Diplomat Lord George Weidenfeld ist tot. Der langjährige „Welt“-Autor sei an diesem Mittwoch im Alter von 96 Jahren gestorben, teilte die Axel Springer SE mit. Er war Träger zahlreicher internationaler Auszeichnungen. Der gebürtige Wiener war zur Zeit der NS-Diktatur nach England geflohen.

          Geboren wurde Lord Arthur George Weidenfeld am 13. September 1919 in Wien als Sohn und einziges Kind des klassischen Philologen Max Weidenfeld. In seiner Heimatstadt studierte er Jura. Nach dem Anschluss Österreichs und der Festnahme seines Vaters flüchtete Weidenfeld 1938 fast ohne Geld nach England, wo er sich zunächst allein notdürftig über Wasser hielt, später holte er seinen Vater nach.

          Fest, Haffner, Speer – und Nabokov

          Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Lord Weidenfeld von 1939 bis 1942 als Journalist beim „Monitoring Service“ der BBC. Sein Programm „Germany Day by Day“ wurde unentbehrlicher Bestandteil der BBC-Sendungen. Von 1942 an wurde er als Kommentator der BBC zu Nachrichten aus Europa im Informationsdienst der Rundfunkanstalt für das britische Empire und Nordamerika bekannt. In den Jahren 1943 und 1944 schrieb er auch außenpolitische Kolumnen für die liberale Zeitung „News Chronicle“.

          1945 gründete er das „Contact Magazine“ und 1948 mit Nigel Nicolson, dem Sohn von Harold Nicolson und Vita Sackville West, den Verlag George Weidenfeld & Nicolson Ltd. Weidenfeld verstand es, Berichte und Erinnerungen wichtiger Zeitzeugen, nicht zuletzt auch von Männern und Frauen der ersten Stunde Israels, zu sammeln und aufzuzeichnen, ganz gleich, aus welchem Lager sie kamen. So hat er neben Werken über das Dritte Reich von Joachim Fest, Sebastian Haffner, Karl-Dietrich Bracher auch die Memoiren Albert Speers verlegt. „Speer war, als ich ihn kannte, kein Nazi,“ sagte Weidenfeld einmal. Mit der Zeit wurde sein Verlag einer der erfolgreichsten im britischen Verlagswesen. Schwierig war es, als Weidenfeld 1955 mit Nabokovs „Lolita“ einen Ausflug in die Belletristik unternahm, der den Partner Nicolson seinen Unterhaussitz kostete. Der Roman verkaufte sich aber mit einem Absatz von 200.000 Exemplaren. Zu den Roman-Autoren des Verlages gehörten Mary McCarthy, Saul Bellow, Norman Mailer, Louis Aragon, Giorgio Bassani oder Edna O'Brien. Weidenfelds persönliche Vorliebe galt allerdings dem anspruchsvollen Sachbuch und dem akademischen Bereich.

          Begleitung auf dem Weg zu Demokratie und Toleranz

          Unmittelbar nach dem Entstehen des jungen israelischen Staates hatte ihn der erste israelische Präsident, Chaim Weizmann, 1949 für ein Jahr als politischen Berater nach Israel geholt. Weidenfeld nannte es einmal das „bewegendste Jahr meines Lebens“. Immer wieder betonte er seine unverbrüchliche Zuneigung zu Israel und seiner Gesellschaft. 1976 auf Veranlassung des mit ihm befreundeten Premierministers Harold Wilson zum Life Peer gemacht, beschränkte sich Weidenfelds politische Tätigkeit im Wesentlichen auf Reden im Oberhaus, in denen er für Israel warb. Ein eigentlich politisches Amt übte er nicht aus. Weidenfeld wurde jedoch neben seiner Verlegertätigkeit als Kulturmäzen bekannt. 1985 wagte er zusammen mit Ann Getty und deren Mann den Sprung als Verleger in die Vereinigten Staaten. Weidenfeld beteiligte sich an der Wheatland Corporation, die 1985 die „Grove Press“ kaufte. Zur gleichen Zeit beteiligte er sich an der Gründung der Wheatland Foundation mit Sitz in San Francisco und New York. Relativ ließ Weidenfeld seine Zuneigung zu Deutschland und dessen Weg zu Demokratie und Toleranz erkennen. Er besuchte Deutschland häufig und schätzte persönlich insbesondere den ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik, Konrad Adenauer.

          In den neunziger Jahren, nach dem Umschwung in Osteuropa, hat sich Weidenfeld mit besonderem Nachdruck des osteuropäischen Judentums von Riga bis Baku und Tiflis angenommen.

          Berühmte Abendgesellschaften

          Weidenfeld setzte auch nach der Wiedervereinigung auf ein demokratisches und humanistisches Deutschland. Er arbeitete eng mit Ignatz Bubis zusammen, nannte Bundeskanzler Kohl seinen Freund und sah in ihm den „Staatsmann, der das größte Verständnis und die größte positive Bereitschaft den Juden gegenüber hat“. Als Helmut Kohl in der Schwarzgeld-Affäre wegen des Verschweigens der Spender in Bedrängnis geriet, gehörte Weidenfeld zu den Persönlichkeiten, die Kohl bei der Beschaffung eines Ausgleichs für den Schaden, den die CDU erlitt, unter die Arme griffen.

          Berühmt waren seine regelmäßigen „George-Dinners“, zu denen er in seiner Villa Persönlichkeiten aus allen Lebensbereichen um sich versammelt, um seine internationalen Verbindungen aus persönlichem Interesse und (früher) im Interesse der Verlagsarbeit zu pflegen. Aus diesen Kontakten entstand auch das von Weidenfeld mitgegründete Institut für Europäische Studien der Universität Oxford, das sich als Verbundsystem renommierter europäischer Universitäten versteht.

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