https://www.faz.net/-gqz-ohyo

Verlage : Martin Walser wechselt zu Rowohlt

  • Aktualisiert am

Von Suhrkamp zu Rowolt. Martin Walser Bild: AP

In einem Offenen Brief an die Suhrkamp-Mitarbeiter begründet der Schriftsteller seinen Wechsel nach fast 50 Jahren beim Suhrkamp Verlag zu Rowohlt. Von Suhrkamp fordert Walser die Rechte an seinem gesamten Werk.

          Wegen „enttäuschender Erfahrungen“ mit der Suhrkamp-Verlagsleitung will der Schriftsteller Martin Walser (76) mit seinem gesamten Werk nach fast 50 Jahren zum Rowohlt Verlag wechseln. Das sagte Walser am Sonntag der Nachrichtenagentur dpa und bestätigte damit einen Bericht der „Süddeutschen Zeitung“.

          Am Freitag war zunächst bekannt geworden, daß Walser seinen neuen Roman „Der Augenblick der Liebe“ in diesem Sommer und seine neue Aufsatzsammlung „Die Verwaltung des Nichts“ im Frühjahr 2005 bei Rowohlt herausbringen wird.

          Keine Äußerung zu Berkéwicz

          Nach dem Tod von Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld (am 26. Oktober 2002) gelte bei Suhrkamp „nicht mehr literarische Vielstimmigkeit als das oberste Prinzip“, sagte Walser. „Zu Zeiten Unselds hatten wir Autoren früher alle Platz.“ Bei seinem 2002 erschienenen Roman „Tod eines Kritikers“ sei die neue Verlagsleitung gegen „einen von Außen angezettelten Skandal in die Knie gegangen. Das wäre bei Siegfried Unseld niemals passiert“, sagte Walser, der mit dem Verleger befreundet war, und fügte hinzu: „Die, die in die Knie gingen, sind heute noch da, deshalb gehe ich. Unseld hatte das Buch selber noch gelesen und wollte es bringen, aber er konnte sterbenskrank nicht mehr handeln.“ Über die Unseld-Witwe Ulla Berkéwicz, die den Verlag heute leitet, wollte sich Walser nicht äußern.

          Rechte an seinen Werken zurückgefordert

          In der Hauptperson des Buchs „Tod eines Kritikers“ wird kaum verklausuliert der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki in einer Weise karikiert, die viele Rezensenten anstößig fanden. Viele Intellektuelle, die Walser einer „Zeitgeistfraktion“ zurechnet, hatten ihn 1998 nach seiner Rede über die „Moralkeule“ des Holocaust in der Frankfurter Paulskirche heftig angegriffen.

          Walser hat nach eigener Darstellung 1997 mit Siegfried Unseld einen „schriftliche Vereinbarung“ getroffen. Danach kann der Schriftsteller im Fall des Ausscheidens von Unseld als geschäftsführender Gesellschafter des Suhrkamp Verlages die Rechte an seinem Werk zurückfordern. „Das habe ich nun getan und ich will natürlich, daß meine Werke komplett künftig bei Rowohlt erscheinen.“

          Dank an die Mitarbeiter und ehemaligen Mitarbeiter des Verlages

          In einem Offenen Brief an alle Suhrkamp-Mitarbeiter verabschiedet sich Walser mit Dankbarkeit: „Sie in den vielen Zimmern haben mich immer und, wie ich glaubte, anstrengungslos behandelt, als bestünde der Verlag nur aus mir, als wäre ich überhaupt der einzige Autor. Das war und ist eine Illusionsglanzleistung. Spitze. So etwas wissen Autoren zu schätzen.“ In dem Brief macht der Autor auch deutlich, daß „die zwei Mitarbeiter“, die ihm anno 2002 das Bleiben ermöglichen wollten, jetzt nicht mehr bei Suhrkamp seien.

          Damit dürfte Walser den ehemaligen Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg, den Unseld noch ausgewählt hatte, und seinen Lektor Thorsten Ahrend gemeint haben. Beide waren nach internen Machtkämpfen bei Suhrkamp gegangen. Auch der gesamte Suhrkamp-Stiftungsrat, in dem namhafte Autoren sitzen, war zurückgetreten. Am Freitag wurde zudem bekannt, daß die jahrzehntelange Suhrkamp-Pressechefin Heide Grasnick das Haus „aus familiären Gründen“ verlässt. Ihr Nachfolger wird der 46jährige Thomas Sparr.

          Weitere Themen

          Ohne den Unsinn der Radikalität

          Suhrkamp-Rechtskultur : Ohne den Unsinn der Radikalität

          1968 plante Siegfried Unseld mit dem späteren Bundesinnenminister Werner Maihofer und dem Frankfurter Zivilrechtler Rudolf Wiethölter als Herausgebern eine juristische Zeitschrift neuen Stils. Warum wurde nichts daraus?

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Topmeldungen

          „Haltet uns nicht länger hin“ fordern Demonstranten vor der Sitzung des Klimakabinetts in Berlin.

          Klimakabinett : Warmlaufen für den Tag der Entscheidung

          Weil erst in zwei Monaten feststehen soll, wie Deutschland seine Klimaziele einhalten will, vertagt die Regierung Beschlüsse. Bei einem Thema sperrt sich der Wirtschaftsminister besonders.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.