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Exzesse der Verkehrswende : Wer verdrängt wen?

Das Rad als Medium der Gerechtigkeit Bild: dpa

Verkehrspolitik als hochmoralisches Pflaster: Jetzt brechen alle sozialen Verteilungsfragen zwischen Fußgängern, Radlern und Autofahrern wieder auf.

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          Seitdem der Kampf um die Aufteilung der Ressource „Fläche“ als Gerechtigkeitsfrage geführt wird, tendiert die Verkehrspolitik dazu, ein hochmoralisches Pflaster zu sein, das sich stetig ausdifferenziert. Beim starken Autofahrer angefangen, lassen sich hinter den schwachen Verkehrsteilnehmern (Radfahrer) immer noch schwächere ausfindig machen (Fußgänger), die ihre Wünsche als Grundrechte formulieren. Auf dieser Linie bringt die Initiative „FUSS e.V.“ die Metapher von der charakterlosen, betriebsförmigen Radfahrer-Mentalität ins Spiel: „oben buckeln, unten treten“. Gemeint ist hier das Miteinander von wehrlosem Zufußgehen und rücksichtsloser Radraserei. FUSS e.V., seines Zeichens der Fachverband Fußverkehr Deutschland, warnt vor einer Diskriminierung der Schwächsten durch die Schwachen, die gar nicht sein müsse: „Füße und Fahrrad ergänzen sich eigentlich prächtig als muskelbetriebene, gesunde, umweltschonende und preisgünstigste Verkehrmittel.“

          Wie weit die Stimme der Vernunft der Schwächsten trägt, wird sich zeigen, wenn künftige Radschnellwege durch städtische Grünanlagen geführt werden sollen, ein Thema, über das nicht nur in der Berliner Senatsverkehrsverwaltung nachgedacht wird. Radschnellwege sollen demnach Radlern vorbehalten sein, die darauf „zügig, aber weitestgehend ohne Zwischenstopps“ vorbeisausen möchten, ein Modus der Mobilität, welcher naturgemäß Zielkonflikte mit dem parküblichen Erholungsgeschehen aufwirft.

          Querungsgroßkonflikte

          Es entstehen dann ganz neue Fragen wie jene nach den „gesicherten Querungsmöglichkeiten“ von Spaziergängern über die Pisten in Parks. FUSS e.V. wendet gegen derartige, der Muße und den Bäumen abträgliche Neuverteilungspläne von Parkanlagen ein: „Statt Umweltschutz bringt Radverkehr dann Umweltzerstörung.“ Es gehe darum, nicht hinter ein Axiom der öffentlichen Moral zurückzufallen: Statt Grün zu asphaltieren, müsse Asphalt begrünt werden. Angesichts derartiger, das Unterste zuoberst kehrender Querungsgroßkonflikte hat der subversive Pop-up-Gedanke im Straßenbild beinahe etwas Niedliches.

          Hier geht es um das in mehreren Städten verfochtene Anliegen, aus dem Pandemie-Provisorium gelb abgetrennter temporärer Radwege eine Dauerlösung zu schaffen. Solche Pop-up-Radwege, um deren Bestand derzeit auch gerichtlich gestritten wird, haben neulich vom Umweltbundesamt Rückendeckung erhalten. Die Corona-Krise gelte es pop-up-mäßig als „Gelegenheitsfenster“ zu nutzen, erklärt die Behörde. Pop-up-Radwege mit ihrem Chronifizierungspotential sollten demnach aber auch durch Pop-up-Fußgängerzonen ergänzt werden. Hier geht das Umweltbundesamt auf FUSS e.V. zu. Gleichzeitig gehöre es sich, Parkgebühren zu erhöhen und Anwohnerparkausweise zu verteuern.

          Was aber ist mit Fragen des Kindes- und Tierwohls? Steht nicht auch ihnen eine gesonderte Pop-up-Behandlung zu, wenn die Verkehrswende als Gerechtigkeitsprojekt aufgezogen wird? Die Fläche gehört uns allen. Alle sozialen Verteilungsfragen sind aufgerufen, im Straßenkampf neu aufzubrechen.

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