https://www.faz.net/-gqz-owf3

Verkaufsgenie : George Foreman singt uns was vor

  • -Aktualisiert am

George Foreman und seine „lean mean grilling machine” Bild: PA

Auf "Inspirations" läßt George Foreman Startenor Ramon Vargas und die Wiener Sängerknaben seine Lieblingsgospels und Eigenkompositionen zum Besten geben. Seinen bluesigen Bariton bringt er nur als Sprechstimme zu Gehör.

          Boxer, so schreibt die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates, müßten lernen, ihre Überlebensinstinkte zurückzustellen. "Wer gewinnen will, muß dem Impuls widerstehen, den Schmerz und das Unbekannte zu fliehen." Das klingt wie Magie. Verrücktheit, die sich als höhere und pragmatischere Form von Vernunft offenbart. Warum sollte einer, der jahrelang trainierte, der Gefahr entgegenzulaufen, sich nun eines anderen besinnen? George Foreman jedenfalls scheint das Unbekannte mit Macht anzuziehen.

          Das Leben des Mannes, der einst als härtester Puncher der Welt galt, 1973 Joe Frazier durch den Ring prügelte und ein Jahr später in Zaire von Muhammad Ali auf die Matte geschickt wurde, ist voller Überraschungsmomente. Linker und rechter Haken aus dem scheinbaren Nichts: 1977 war das so, als Foreman nach einem verlorenen Kampf von einer Gottesvision in der Umkleidekabine sprach und anschließend die Boxhandschuhe gegen die Bibel eintauschte.

          Liebling der Fernsehnation

          Mehr als zehn Jahre später, als der Reverend aus Geldnot noch einmal in seinen alten Beruf zurückkehrte und mit fünfundvierzig Jahren sensationell seinen zweiten Titel im Boxschwergewicht gewann. Und auch dieses Jahr hat Foreman wieder für Schlagzeilen gesorgt: Weil das Verkaufsgenie - vierzig Millionen amerikanische Haushalte brutzeln ihre Steaks inzwischen mit "George Foreman's lean mean grilling machine" - ankündigte, noch einmal gegen einen höchstens dreißigjährigen Gegner in den Ring steigen zu wollen. "Ein Mann ohne Abenteuer", hat der Ex-Champ erklärt, "ist ein Mann an der Beatmungsmaschine."

          In diesem Licht darf man auch den jüngsten Exkurs von Reverend Foreman betrachten: "Inspirations" (Trauma Records/Warner). Eine Doppel-CD, auf der Foreman seinen Lieblingsgospelsongs von Aretha Franklin bis zu den Edwin Hawkins Singers ein knappes Dutzend klassischer Eigenkompositionen entgegenstellt. Gesungen unter anderen von Startenor Ramon Vargas und den Wiener Sängerknaben, arrangiert von Roland Baumgartner und dem Wiener Symphonieorchester. Zwischen den Songs predigt Foreman über seinen Aufstieg vom finsteren, fluchenden underdog zum moralischen Vorbild und Liebling der Fernsehnation.

          Vorbild Jack Johnson

          Warum aber gerade Klassik? Und: Können schwere Boxerpranken genauso virtuos einen Geigenbogen wie eine Maisbirne bedienen? Tatsächlich hat Foreman, zu dessen Hobbys unter anderem die Schäferhundzucht und eine Sportwagensammlung zählen, bereits zu seiner Zeit als Heavy Weight Champion auf der Geige herumgekratzt - "so lange, bis sich die Hotelnachbarn beschwerten".

          Sein Vorbild heißt Jack Johnson: Der erste schwarze Weltmeister im Schwergewicht provozierte die weiße Gesellschaft Anfang des Jahrhunderts durch einen Lebensstil, der allen Klischees vom unartikulierten Primitivling widersprach. Mit weißer Freundin, Literatursalons und Cello-Spiel. Foreman, der maulfaule Schläger, hatte gegen ähnliche Vorurteile anzukämpfen. Nur, daß seine Vorliebe für Bücher und Musik sich bisher kaum herumgesprochen hat. Inzwischen jedoch scheint er überzeugt zu sein, daß ihm nichts mehr unmöglich ist. Oder wie es auf seiner CD heißt: "All things are possible".

          Stolz auf Aufstieg

          Schade nur, daß George Foreman bei den Aufnahmen da nicht selber mitstreicht und seinen bluesigen Bariton nur als Sprechstimme zu Gehör bringt. Schließlich kann der Mann durchaus singen: In seiner kleinen Kirche in Houston gibt Reverend Foreman mit umgehängter Gitarre regelmäßig selbstkomponierte Gospels zum besten, rauh und mitreißend, mit dem Herz eines Boxers. Daß er aber statt eines Gottesdienstmitschnitts Klassik-Pop à la "I Gave Him My Life" oder "Jesus I Will Sing For You" veröffentlicht, hat seine Logik.

          Christliche Kaffeehausmusik, mögen die Uneingeweihten lästern. Mit Keyboard und Schlagzeug aufgemotzte Schmalz-Arien. Doch für einen, der sich in seiner Autobiographie als "geborenen Verlierer" bezeichnet und stolz auf seinen Aufstieg vom Ghetto-Gangster zurückblickt, muß schon die Coverinschrift "Compositions and Spoken Word by George Foreman - Sung by the Vienna Boys Choir" wie ein Sieg anmuten, ein Beweis, daß er das Unbekannte nicht fürchtet und noch lange keine Beatmungsmaschine braucht.

          Sollte er noch Zuspruch für sein zweites Comeback als Schwergewichtler brauchen, kann er seinen Worten aus dem Mund eines Startenors lauschen: "Jesus if there is a song I can sing for you / I'll sing it / Jesus if there is a word I can say to you / I'll say it / Jesus if there is a dance I can dance for you / I'll dance it." Die Zeile mit dem Wörtchen "punch" muß man sich dazudenken.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Dr. Ruth Gomez arbeitet  im universitären Kinderwunschzentrum in Mainz als Pränataldiagnostikerin.

          Spezielles Verfahren : Einzige Chance auf ein gesundes Kind

          In der Mainzer Universitätsklinik sind zum ersten Mal Babys nach einer Präimplantationsdiagnostik auf die Welt gekommen. In das ethisch umstrittene Verfahren setzen verzweifelte Paare ihre ganze Hoffnung.
          Bald nicht mehr vonnöten: Eine gelbe Krankschreibung.

          Digitale Krankschreibung : Der „gelbe Schein“ wird verschwinden

          Es geht um Millionen Zettel: Das Kabinett hat heute die Abschaffung der Krankschreibung auf Papier beschlossen. Außerdem steigen die Hartz-4-Sätze, Paketzustellern soll geholfen und überflüssige Bürokratie abgeschafft werden. Wir zeigen, was die Beschlüsse bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.