https://www.faz.net/-gqz-75f8u

Vergewaltigungen in Indien : Wem gehört die Nacht in Neu Delhi?

  • -Aktualisiert am

Sichtbarkeit und Anerkennung

Dabei sind die Vergewaltigungen, die Männer der Mittelschicht an ihren Angestellten vornehmen, wohl mindestens ebenso häufig. Sie freilich sind privilegiert genug, um eine freizügige Sexualität weitaus offener ausleben zu können als die meisten anderen Männer Indiens. Nach wie vor befinden sie im Konflikt von Tabuisierung der Sexualität und sexuellen Anspielungen in Bollywood-Filmen, Werbung und im Internet erhältlichen Pornofilmen.

Hinzu kommt, dass das alte Ideal in einer bis in den Tod treuen und bis zur Hochzeit keuschen, sittlich tadellosen Frau weiter propagiert wird. Verkörpert wird dies besonders in Sita, der Ehefrau des vergöttlichten Helden Rama. Frauen, so zeigt sich, haben im öffentlichen Raum Indiens nach wie vor wenig zu sagen und zu suchen, auch wenn sie in ihn streben und Strategien der Sichtbarkeit und Anerkennung entwickeln. Sie erheben Anspruch auf ein Leben in einer funktionierenden und verantwortlichen Zivilgesellschaft, auf einen öffentlichen Raum, der sie nicht eingrenzt oder ausgrenzt, der keine Bedingungen für solch enorme Verletzbarkeit nährt. Videoüberwachung oder männliche Begleitpersonen sind hier sicherlich keine Lösung.

Die Wut auf die verwestlichte Frau

Geradezu zynisch liest sich da die Aussage des indischen Präsidenten Mukherjee, der die Verstorbene als „mutige Tochter Indiens“ bezeichnete, die das „Beste der indischen Jugend und Weiblichkeit“ verkörpere. Ihre Stilisierung zur Märtyrerin der indischen Nation, auch „Mutter Indiens“ genannt, die auch von den Protestierenden verwendet wird, ist deshalb so unpassend, weil gerade im Namen von „Mutter Indien“ Frauen zu Bewahrerinnen indischer Kultur und Tradition ernannt wurden, eben als Ehefrauen und Mütter, und nicht als Studentinnen, Alleinerziehende oder Unverheiratete. Gerade im neuen Jahrtausend wurden immer wieder Ausschreitungen gegen „verwestlichte“ Frauen, die rauchen, Alkohol trinken, in Miniröcken herumlaufen, von rechten Politikern organisiert. Oft vor laufenden Kameras, wie im Jahr 2009, als Hindu-Nationalisten eine Bar stürmten und die jungen Frauen dort bestraften.

Kurz vor dem Valentinstag war dies als geeignete Strategie der Inszenierung indischer Kultur gegen westliche Unkultur gesehen worden, und mündete in einer Gegenbewegung, der „Rosa-Unterhosenbewegung“, die vor allem auf Facebook internationale und nationale Aufmerksamkeit erhielt. Viele sehen daher die Bemühen der Politiker wie etwa Sonia Gandhi oder Premierminister Manmohan Singh, die am Flughafen standen, als der Leichnam der Studentin ankam, als verlogen an.

Was ist zu tun? Eine Weltstadt wie Delhi muss ihren Bewohnern nicht nur Lebensqualität durch Einkaufszentren und Luxuswohnanlagen, sondern Sicherheit im öffentlichen Raum bieten. Tagsüber wie nachts. Tröstlich ist hierbei vor allem, dass Indien neben äußerst aktiven und kritischen Sozialen Medien eine freie Presse hat, die das Thema nun, wenn auch mitunter mit Sensationslust, in die Öffentlichkeit bringt. Eine Öffentlichkeit, die für und von Frauen immer noch zu besetzen ist.

Weitere Themen

Topmeldungen

Chinas Staatspräsident Xi Jinping wandte sich per Videoschaltung an die UN-Generalversammlung

Amerika gegen China : Xi Jinping zieht die Klima-Karte

Während Donald Trump China bei der UN-Generaldebatte frontal angreift, verkündet der chinesische Staatschef neue Klimaziele für sein Land. Damit lässt er den amerikanischen Präsidenten schlecht aussehen.
Grünes Gold: In den Spitzen der Hanfpflanze steckt besonders viel CBD.

Superfood oder Droge? : Der Hype um die Hanföle

Keinen Rausch, aber Entspannung: Das versprechen Produkte mit dem Cannabiswirkstoff CBD. Corona treibt die Nachfrage nach ihnen in die Höhe. Die Unruhe in der Politik auch.
Corinne „Coco“ Rey musste die Terroristen ins Redaktionsgebäude lassen.

Prozess um Charlie-Hebdo-Morde : Haben die Terroristen gewonnen?

Die Attentäter stehen vor Gericht, aber der islamistische Terror gegen die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ geht weiter: Eine Mitarbeiterin musste aus ihrer Wohnung in Sicherheit gebracht werden.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.