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Vergewaltigungen in Indien : Wem gehört die Nacht in Neu Delhi?

  • -Aktualisiert am

Diffusere Klassengrenzen

Wenn die Frauen Pöbeleien oder sexuelle Übergriffe der Polizei melden, stoßen sie meist nur auf Unverständnis und bisweilen sogar Anklage. Sie hätten sich die Schuld selbst zuzuschreiben, müssten wissen, was passiert, wenn sie etwa nachts allein herumlaufen oder auf bestimmte provozierende Art gekleidet seien. Auch jetzt tat etwa Abhijit Mukherjee, der Sohn des indischen Präsidenten, die Proteste als „rosarote Bewegung stark geschminkter Frauen“ ab. Im April bereits macht die Zeitschrift „Tehelka“ auf die Lethargie, wenn nicht gar Ignoranz der Polizei bei Vergewaltigung in Delhi aufmerksam.

Dabei sind die Vergewaltigungen nur ein Teil der Macht- und Rechtlosigkeit von Frauen in Indien. Genannt seien die Abtreibungen weiblicher Föten, die Benachteiligungen bei Ausbildung und Gesundheitsversorgung oder Fälle illegaler Mitgiftforderungen, bisweilen gefolgt von Mitgiftmorden. Scheidungen sind nach wie vor eine Seltenheit, das Witwendasein stigmatisiert. Dies alles gibt es nicht nur trotz, sondern auch wegen der zunehmenden Modernisierung und Urbanisierung.

Asymmetrien in der indischen Gesellschaft

Der Fall der verstorbenen Studentin zeigt abermals diese anhaltende, tief in der Gesellschaft verwurzelte Geringschätzung von Frauen. Im durch die Wirtschaftsliberalisierung zügellosen Wettkampf um Machtmonopole wie Wohlstand, Bildung, Wahlfreiheit bezüglich Lebensstil und beruflicher oder privater Selbstbestimmung gehören die Frauen zu den Verlierern. Die verschiedenen Regierungen und die Mittelschicht haben sich als unfähig oder unwillig erwiesen, das Potential der Frauen zu erkennen und die diskriminierenden Zustände systematisch anzugehen.

Die Asymmetrien bei der Verteilung von Macht und Geld tun ihr übriges. Der Fall erschüttert Indiens Mittelschicht auch deshalb, weil sich darin eine wachsende Angst der Habenden vor denen zu zeigen scheint, die ihren Anteil haben wollen und sich diesen angeblich mit Gewalt zu nehmen trachten. In einer Stadt wie Delhi existieren Parallelwelten mit oszillierenden Grenzen, konstituiert von Wanderarbeitern und langjährigen Slumbewohnern, eingesessener Mittelklasse und neuen Emporkömmlingen, und einer kleinen, unerhört reichen Elite. Viele Mitglieder der Mittelklasse fühlen sich von dieser Grenzauflösung bedroht. Sie schließen sich in bewachten Wohnenklaven ein und raten einem, die Schlafzimmertür zu verriegeln, denn es seien Fälle von nächtlichen Überfällen und sogar Morden seitens der Angestellten vorgekommen. In dieser sich weitenden Kluft zwischen Arm und Reich, Gewinnern und Verlierern der Globalisierung verweist die Aktivistin und Schriftstellerin Arundhati Roy zurecht darauf, dass die Mittelklasse gerade dabei ist, einen bereits bewährten Sündenbock wiederzubeleben, indem sie die Armen als Taugenichtse, Schmarotzer und Bestien kriminalisiert. Da passt es ins Bild, dass es sich bei den Vergewaltigern der Studentin um Slumbewohner handelt.

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