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Verdacht eines Verdachts : Ein Rundbrief mit Prangerwirkung

„Bitte denken Sie über diese Entwicklungen nach!” - Merith Niehuss, die Präsidentin der Universität der Bundeswehr München Bild: dpa

Uniformzwang für politische Meinungen? Die Präsidentin der Münchner Universität der Bundeswehr bezichtigt den Chefredakteur der Studentenzeitung des Rechtsextremismus. Ohne Belege.

          „Campus“, die Zeitschrift der Studentenschaft der Münchner Bundeswehruniversität, ist eine typische Studentenzeitung. Zum Typischen gehört die Meckerecke, eine Kolumne mit der Autorenzeile einer Kunstfigur, die hier den wenig originellen Namen Motzki trägt. Im jüngsten Heft beschäftigt sich Motzki mit der Präsidentin der Universität, der Historikerin Merith Niehuss. „Jetzt habe ich mich endlich widerwillig daran gewöhnt, mit dem grässlichen Partizip ,Studierende' angesprochen und benannt zu werden, da muss ich feststellen, dass für Frau Präsident Niehuss die Kameraden in Afghanistan immer noch ,getötet' und ,verletzt' statt gefallen und verwundet sind. Wenn man die Dinge schon so genau nehmen will, dann bitte überall. Oder will sie uns mit ihrer Wortwahl etwas sagen? Ich spekuliere lieber nicht zu wild, sonst beschwert sich schon wieder jemand.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Vorsicht hat nichts genutzt: Beschwert hat sich über Heft 1/2011 von „Campus“ die Universitätspräsidentin höchstpersönlich, und zwar in Form eines elektronischen Rundbriefs, den am 7. Juli sämtliche Mitglieder der Universität erhalten haben. Eine Woche später alarmierte die „Abendschau“ des Bayerischen Rundfunks die große Öffentlichkeit. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ aufdeckte, ist einer der beiden „BR-Reporter“ Mitglied eines dem Linksextremismus zuzuordnenden Vereins.

          Misslungene Integration der Frau in den Streitkräften?

          In ihrem Rundschreiben nimmt die Präsidentin Anstoß an einer ganzseitigen Anzeige. Beworben wird eine Broschüre mit dem Titel „Die Frau als Soldat. Der ,Gorch Fock'-Skandal, Minister zu Guttenberg und der Einsatz von Frauen in den Streitkräften“. Das „Institut für Staatspolitik (IfS)“ mit der Postanschrift „Rittergut Schnellroda“ im sächsisch-anhaltinischen Steigra verspricht jedem Offizier und Offiziersanwärter der Bundeswehr ein kostenloses Leseexemplar. Zum Thema der Broschüre gibt es im Heft zwei Artikel, ein für studentische Medien typisches Pro und Contra. Ein Redakteur fordert eine „ehrliche Debatte“ über die Grenzen der Kampfkraft von Soldatinnen, ein freier Mitarbeiter vertritt die Gegenposition.

          Der Chefredakteur von „Campus“, Martin Böcker, teilt im Editorial über die Absicht hinter dem Disput mit: „Wir fassen auch das heiße Eisen der misslungenen Integration der Frau in den Streitkräften an: Bei Lob und Kritik gilt die Diskussion jeweils der Struktur, nicht der Kameradin - auch ihr Dienst ist dankenswert, edel und gut.“ In Loriots Film „Ödipussi“ wird ein Verein zur Integration der Umwelt und der Frau in den Karneval aus der Taufe gehoben, dessen Gründer überzeugt sind, „drei ganz heiße Eisen“ angefasst zu haben. Böcker hat gelernt, dass man sich tatsächlich die Finger verbrennt, wenn man das Scheitern der Integration der Frau in die Bundeswehr als Tatsache und Ausgangspunkt einer Strukturdiskussion hinstellt. Doch der Ort für den Widerspruch zu diesen Ansichten des Chefredakteurs wäre ein Leserbrief oder Gegenartikel.

          Unerwünschte Richtung

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