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Verbotene Bücher : Dürfen Häftlinge Klingonisch lernen?

Für die Documenta 14 schuf Marta Minujins aus verbotenen Büchern die Installation „Parthenon auf Books“ auf Kassels Friedrichsplatz. Bild: Helmut Fricke

Amerikanische Bibliotheken schlagen Zensur-Alarm: In Schulen und Gefängnissen werden Bücher verboten, oft nach willkürlichen und unklaren Kriterien.

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          Jahr für Jahr ruft die Vereinigung der amerikanischen Bibliotheken (ALA) gemeinsam mit Amnesty International Ende September die „Banned Books Week“ aus. Sie erinnert an den wachsenden Druck, dem Bibliotheken ausgesetzt sind, weil sie Bücher und andere Medien anbieten, die von Gruppen oder Einzelpersonen für schädlich gehalten und deshalb aus dem Bestand genommen werden.

          Die ALA veröffentlicht für jedes Jahr eine Liste der Titel, deren Entfernung am häufigsten gefordert wurde, darunter Bücher von Toni Morrison und Harper Lee, John Green und Khaled Hosseini. Die Bibel findet sich auf der Liste ebenso wie eine Reihe von Jugendromanen, in denen etwa Homosexualität oder Transgender thematisiert wird.

          In diesem Jahr setzte die Banned Books Week einen Schwerpunkt auf die Situation in amerikanischen Gefängnissen und die dort einkassierten Bücher, deren Zahl in die Zehntausende geht. Vorenthalten wurden den Häftlingen nicht nur Werke von Alice Walker, Joyce Carol Oates und George Orwell, sondern auch ein Band mit Mondkarten, ein Lexikon der klingonischen Sprache und die Memoiren Barack Obamas.

          Dass es Vorteile für den Einzelnen wie für die Gesellschaft insgesamt hat, wenn jemand liest, scheint nicht so viel zu wiegen wie der Wille der Gefängnisleitungen, ihre Schäfchen gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen zu lassen. Nun wird ein Häftling sehr weit fliehen müssen, damit ihm Mondkarten und Klingonischkenntnisse wirklich weiterhelfen, und ob Obamas Erinnerungen, wie zunächst als Grund für den Bann angeführt, in Häftlingshänden tatsächlich die Sicherheit der Vereinigten Staaten gefährden, bliebe nachzuweisen.

          Heimlicher Büchertauschring

          Doch genau an einem sauberen Nachweis mangelt es, urteilt der amerikanische PEN, die Entscheidungen der Verantwortlichen für den Bücherbann seien willkürlich und intransparent. Dass derlei nicht auf Gefängnisbibliotheken beschränkt ist, zeigt die ALA beharrlich auf. Deren Listen der gebannten Bücher enthalten weltanschaulich so unterschiedlich gehaltene Werke, dass man inhaltlich diejenigen kaum unter einen Hut bringt, die solche Verbote fordern. Einig sind sie sich aber im Willen, das ihnen Anstößige zu entfernen.

          Wohin das führen kann, wird aktuell etwa in dem Kinderbuch „Amy und die geheime Bibliothek“ von Alan Gratz gezeigt. Als eine Schülermutter dafür sorgt, dass eine Reihe von Büchern – von „Alice im Wunderland“ über „Tintentod“ bis zum „Tagebuch der Anne Frank“ – aus der Schulbibliothek entfernt wird, organisiert Amy einen heimlichen Tauschring, in dem alle verbotenen Titel zur Verfügung stehen. Und muss sich dann in einer hochnotpeinlichen Verhandlung vor der Schulleitung dafür rechtfertigen. „Egal ob jemand ein Buch gut, schlecht, wertvoll oder wertlos findet – niemand hat das Recht, dieses Buch von anderen fernzuhalten“, heißt es im Nachwort. Dass man das so betonen muss, in Schulen wie in Gefängnissen und wo auch immer sonst, ist kein gutes Zeichen.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

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