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Venedigs Geschäft mit dem Untergang : Der Tod hat jetzt mal Pause!

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Man kann mit Acqua alta auch einmal ganz entspannt umgehen, wie diese Wasserratten im November vor der Markuskirche beweisen Bild: dapd

Venedigs ewiger Untergang ist ein riesiges Geschäft. Das jüngste Hochwasser hat die kommerziellen Apokalyptiker wieder beflügelt. Doch die Stadt stirbt nicht. Sie müsste nur besser leben wollen. Eine Pegelmessung.

          Einhundertneunundvierzig Zentimeter. So hoch über dem Normalpegel stand an diesem 11. November die Lagune von Venedig. Damit kommen die tiefsten Stellen der Stadt am Markusplatz knapp siebzig Zentimeter unter Wasser, auch sonst verschonte Zonen liefen über. Weil die eigentlich recht exakten Vorhersagen des Hochwasserdienstes viel zu niedrig lagen, weil nachts einsetzender starker Wind und Strömungen dazwischenfunkten und weil es sich um einen Sonntagmorgen handelte, kamen viele Geschäftsinhaber, die per SMS rund um die Uhr über die Gezeiten informiert sind, zu spät. Kühlschränke, Lampen, Zapfanlagen - nichts war hochgebockt worden. Es kam zur sechsthöchsten Flut, die je in Venedig gemessen wurde. Und die Bilder gingen wie immer um die Welt. Ohne den Zusatz, dass von den gluckernden Gewässern niemals Menschen zu Schaden kommen und dass der Spuk nach zwei Stunden wieder abläuft.

          Bei den Ladenbesitzern und den Mietern der wenigen Wohnungen, die noch im Erdgeschoss liegen, überwog aufräumearbeitshalber die Wut den üblichen Fatalismus der Venezianer, die es schließlich seit tausend Jahren erlernt haben, mit dem Acqua alta zu leben. Warum ist der mobile Deich „Mose“ noch nicht fertig, der sich eigentlich schon seit diesem Jahr bei jeder Flut von mehr als 115 Zentimeter über Normalnull schließen sollte?

          Etwa die Hälfte der Venezianer hatte dem Milliardenprojekt lange skeptisch bis rabiat gegenübergestanden, zumal die letzten beiden Jahre kaum ein schlimmes Acqua alta gebracht hatten. Es gibt tatsächlich sogar unter den Geschädigten viele, die das ungestörte Kommen und Gehen der Lagunenfluten fürs Überleben der Stadt fordern. Nun aber wird der Ruf nach dem „Mose“, der nach den üblichen Problemen mit Baustopps und gekürzten Mitteln frühestens 2016 fertig sein soll, immer lauter.

          Makabre Wettspiele

          Sollte der Meeresspiegel in den kommenden Jahrzehnten markant steigen, wäre die Weltstadt auf der Wasserlinie in der Tat das erste und prominenteste Opfer der Erderwärmung. Darum ist es unverständlich, dass der Mobildeich so lange hinausgezögert wurde und ohne kompetente ausländische Hilfe aus Holland oder Norwegen als Prototyp einer neuen Technik entstehen soll.

          Doch an der fragilen Verfassung des Stadtkörpers Venedig zwischen Massentourismus und Vergreisung, zwischen Chemiehafen und Denkmalschutz wird auch kein Deich etwas ändern. „Das Venedig Prinzip“ heißt der besorgte Dokumentarfilm des Südtirolers Andreas Pichler, der Anfang Dezember in die deutschen Kinos kommt und die alte Asterix-Geschichte neu erzählt: Ein paar sture Widerstandskämpfer verschanzen sich in den wunderschönen Mauern und bieten - wie lange noch? - den Hotels, den Ferienwohnungen, der Immobilienspekulation die Stirn, bevor Venedig gänzlich zum Disneyland verkommt.

          An der Tragödie vom Untergang Venedigs wird freilich - anfangs als politische Propaganda Frankreichs, dann als Sinnbild des müden Abendlandes überhaupt - seit etwa dreihundert Jahren immer weitergeschrieben, während die Stadt auf sonderbare Weise stehenbleibt. In der italienischen Literatur ersann erst im vorigen Jahr Antonio Scurati das einstweilen letzte Kapitel: In seinem Science-Fiction „La seconda mezzanotte“ (Die zweite Mitternacht) ist Venedig längst abgesoffen, von einem chinesischen Mafiakonzern rekonstruiert und zu einem Freizeitpark umgewidmet worden; in den Gassen kämpfen die sterilisierten Bewohner als Gladiatoren für makabre Wettspiele um ihr Leben. Das sind die Visionen, die sich gut verkaufen. Und sie vertragen sich durchaus mit der Szenerie, wie sie auch das letzte Hochwasser mit sich brachte.

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