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Luc Tuymans in Venedig : Die zärtliche Qual der Malerei

Wenn Ort und Kunst einander eindrucksvoll bereichern: Werke des belgischen Malers Luc Tuymans werden im Palazzo Grassi in Venedig ausgestellt.

          4 Min.

          Ein Ort wie der mächtige Palazzo Grassi, erbaut von Giorgio Massari im achtzehnten Jahrhundert am Ufer des Canal Grande, macht etwas mit den Kunstwerken, die in ihm gezeigt werden. Derzeit sind es, noch bis Anfang Januar 2020, rund achtzig Werke von Luc Tuymans, von den achtziger Jahren bis in die Gegenwart. Um es gleich zu sagen: Es ist eine großartige Ausstellung, die da den verschwiegenen, enigmatischen, mitunter gar furchteinflößenden Gemälden des belgischen Künstlers gilt. Der prächtige Bau denunziert sie nicht in seinen Räumen, vielmehr spielt er ihrer Kraft, die keine Zeitgebundenheit, keine aufdringliche Aktualität kennt, nachgerade in die Hände. Die oft wie von starker Strahlung getroffene Blässe der Gemälde, ihre wie in ständiger Gefährdung standhaltende Zerbrechlichkeit findet Halt.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Ein Beispiel dafür ist das Triptychon „Murky Water“ von 2015. In drei Großformaten malt Tuymans die trüben Wasser in den Kanälen einer Stadt, nur noch erkennbar als giftig gelbliche Flächen, halbblinden Spiegeln ähnlich, in denen vage weiche Reflexionen auftauchen: eines Zauns, einer Laterne, eines Autos. Richtet man den Blick nach oben, erkennt man, eingebettet in eine prunkvolle Kassettendecke, ein gemaltes Tondo, in dem sich luftige Gestalten des Barocks tummeln. Es ist nicht falsch, Luc Tuymans als einen zeitgenössischen Meister der Vanitas zu verstehen, in dieser Konfrontation wird das ästhetisch aufreizend Gestalt. In der Malerei, so Tuymans, ist die gemalte Zeit verschieden von der wirklichen Zeit – als eine verzerrte Melancholie oder Nostalgie. In diesem Sinn gehe es um Qual: „For me, torture is only effective when it’s really tender.“ Es ist überhaupt diese Zartheit des Schmerzes, die Tuymans’ Œuvre untergründet und die Betrachter in den Bann zieht.

          Der andere Aggregatzustand der Gegenstände

          Von Anfang an ist sein leitendes Thema die Gewalt, wie sie sich historisch zumal im Holocaust offenbart hat, aber auch in jeglichen Formen des Überwachens und Strafens. Seine Skepsis gegenüber der Wahrhaftigkeit der Bilder, die uns davon geliefert werden und ständig umgeben, ist abgrundtief. Das lässt sich auf einem frühen Gemälde wie „Rearview Mirror“ von 1986 erkennen. Der anscheinend harmlose Blick in den Rückspiegel ist schon immer Erinnerung, die Gegenwart verschwindet im selben Moment. Dieses knapp zwei Meter breite Querformat hat Tuymans wie alle seine Bilder ausschließlich nach Fotografien gemalt, die er selbst gemacht hat. Deren Ursprung – analog oder digital, einer Postkarte, einer Zeitung oder einem Film entnommen – spielt dabei kaum eine Rolle; Tuymans hat nicht auf den Bilder-Tsunami der Social Media gewartet. Als Maler hält er auf der Leinwand fest, was seine eigene Netzhaut erreicht hat – als ein Abbild, das sich ein Simulacrum nennen lässt. Seine Gemälde sind nicht Wiedergabe, keinesfalls Repräsentation von Wirklichkeit, sie rekonstruieren ihre Gegenstände in der Zweidimensionalität der Fläche. Tuymans versetzt sie in eine Art anderen Aggregatzustand. Das meint er wohl, wenn er von einem hole, einem gap in seinen Gemälden spricht.

          Der beschädigte Mensch: „The Valley“, Öl auf Leinwand, 2007. Bilderstrecke
          Luc Tuymans in Venedig : Die zärtliche Qual der Malerei

          Aus diesem Loch, diesem Spalt, diesem Defekt springt eine Erzählung auf den Betrachter über, der damit erst einmal sich selbst überlassen ist; meistens verstärken die Werktitel das Geheimnis zusätzlich. Tuymans’ Gemälde sind eben nicht ohne Sinnlichkeit, sie sind nicht kalt oder leer. Ihre letzte Referenz ist das zugerichtete, beschädigte Menschliche. Auf „The Valley“ von 2007 ist in fahl-grünlichen Tönen der Kopf eines Knaben zu sehen, mit starren Augen und beinahe mönchischem Haarschnitt. Es ist das Bildnis der Figur des David Zellaby aus dem Film „Das Dorf der Verdammten“ von 1960. In seinem Blick gerinnt das Trauma von Kontrolle und Observation. Anders greift Tuymans nach der Inhumanität auf seinem Porträt von Issei Sagawa aus dem Jahr 2014. Sagawa ermordete und kannibalisierte 1981 in Paris eine Mitstudentin. Nach einem Foto aus einer Dokumentation, das er mit dem Smartphone aufgenommen hat, malt Tuymans den Mörder mit schnellen Pinselstrichen in grotesker Verkleidung mit Tropenhut und Maske, aus den schwarzen Augen springt der Wahnsinn.

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