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Venedig : Ein feste Burg

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Das Fenice aus der Asche Bild: dpa/dpaweb

Venedig hat sein Opernhaus wieder. Mit einem feierlichen Eröffnungskonzert wurde am Sonnabend die „neue“ Fenice eingeweiht, die ganz die „Alte“ ist.

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          Nur die allerersten Klänge, anhand deren die Öffentlichkeit die Akustik des wieder errichteten Fenice-Theaters prüfen konnte, waren ur-italienische. Wie ein Mann sprang das Publikum der Eröffnungsgala auf, als Riccardo Muti die "Fratelli d'Italia" zur schmissigen Nationalhymne zusammenrief. Während der Chor nach Jahren in Ausweichquartieren nun seiner Arbeit am rechten Ort nachging, sangen auch manche livrierte Logendiener und sogar die Hausfeuerwehr nach Kräften mit. Dieser Wiederaufbau ist nach quälenden Obstruktionen für die Italiener letztlich doch ein Symbol des guten, des funktionierenden Staates, der seine Versprechen hält und sein Geld wert ist.

          Davon hatte auch Venedigs Bürgermeister Costa, bewehrt mit grünweißroter Flaggenschärpe, gesprochen, als er das goldglänzende Haus dem Land und der Welt wiedergab. Der Politiker, der als Minister für Infrastruktur vor Jahren in Rom die nötige Zähigkeit für Großprojekte gesammelt hat, nutzte die Gelegenheit, urbi und orbi von der Kreativität des vermeintlich sterbenden Venedig zu künden, vom Raum für die Zukunft, die das leerstehende Arsenal ebenso biete wie der umzubauende Chemiehafen von Marghera.

          Das geliftete Alte harmoniert mit der Wertschöpfung durch das Neue

          Die anwesenden Minister der Berlusconiregierung, gemäß deren Investitionsprogramm Venedig bald eine Lagunen-U-Bahn, einen beweglichen Deich und eine neue Autobahnumgehung bekommen soll, hörten das naturgemäß gerne: Das geliftete Alte harmoniert prächtig mit der Wertschöpfung durch das Neue. Für politische Prominenz sorgte nach der Absage des in Brüssel genug gebeutelten Romano Prodi im Alleingang dann Staatspräsident Ciampi, der das Fenice noch von seiner Hochzeitsreise vor fast sechzig Jahren kennt. An diesem Abend des "buon governo" war dieser bei Anarchisten wie Regionalisten gleichermaßen beliebte Garant der Staatlichkeit der passende Hausherr in der goldbemützten Dogenloge. Wie er hatten auch viele Venezianer am Verlust eines hochsymbolischen Erinnerungsortes italienischer Kultur arg gelitten. Nun fanden sich bei beißender Nebelkälte immerhin ein paar bewegte Bürger vor der Großbildleinwand auf dem Markusplatz ein - Habitues, die es nicht erwarten können, wieder die angestammte Loge zu beziehen. Oder Jugendliche, die einst vor dem Großbrand in Tränen ausgebrochen waren, weil sie damals sicher waren, nie mehr im Leben hier eine Vorstellung hören zu dürfen.

          Tränen, freilich solche der Freude, hatte es auch bei der freitäglichen Generalprobe für Arbeiter und Musiker gegeben, die ein aufgeräumter Riccardo Muti als eigentliche Weihe des Hauses bezeichnete. Als den Profis angesichts einer staunenswert klaren und doch warm eingebetteten Akustik die Gänsehaut kam, als der Maestro - ostentativer Verächter der Event-Kultur - sich bewegt mit dem bald neunzigjährigen Hornisten in Pension austauschen konnte, der als Einziger schon bei Mutis Fenice-Debut am 4. Juli 1970 dabeigewesen war - da begann das Projekt der Wiedergewinnung vollständig zu gelingen.

          Lokalpatrioten und Musiker waren ein dankbareres Publikum als das Prominentenvölkchen von Industriellen, Politikern, Modeschöpfern und Fernsehleuten, welches Mutis mutiges Galaprogramm dann doch eher lau und streckenweise fast gelangweilt über sich ergehen ließen. In der Tat bedeutete das "Te deum" des wenig bekannten Habsburgerhöflings Antonio Caldara nicht mehr als eine Trouvaille, die auf den Standardinstrumenten romantischer Musik niemals barock aufgerauht und durchlüftet zum Klingen kam. Und bei Strawinskis sperriger, ganz ohne Geigen auskommender Psalmensinfonie wird der direkt übertragenden Rai die Einschaltquote in den Wohnküchen Siziliens und in den Pizzerien Turins und Mailands zur besten Sendezeit dann wohl gegen Null gesackt sein.

          Was ist an einer vielmals überarbeiteten Kathedrale noch "echt"?

          Da fällt es natürlich ganz leicht, zusammen mit Mutis avanciertem Kennerprogramm das ganze Neue Fenice in Grund und Boden abzukanzeln, wie das Berlusconis geschaßter Kultur-Staatssekretär Sgarbi souverän unternahm, nachdem er das halbe Konzert lang an seinem Taschencomputer herumgespielt hatte: Alles viel zu goldengrell (was den Fernsehscheinwerfern geschuldet war), es fehle die Patina, und der fast schon skandinavisch kühle Parkettboden sei auch durch die neue Klimaanlage nicht zu entschuldigen. In Wahrheit ist gerade dies staunenswert sensibel rekonstruierte Haus der ideale Ort, über unser aller Verhältnis zu Original und Fälschung zu sinnieren. Was ist an einer vielmals überarbeiteten, restaurierten, zerbombtem Kathedrale noch "echt"? Was an einer Altstadt voller Parkäuser und Bistrots? Gerade dieses Venedig, das nach der Musik noch 1100 Festgäste in den piranesischen Fluchten der einstigen Galeerenwerft im Arsenal festlich bewirtete, und gerade seine altneue Baukastenoper bieten nun das beste Beispiel für unser historistisches Lebensgefühl.

          Es war der Patriarch Angelo Scola, der als weiser Kirchenmann den Chor der Nörgler wie den der Jubilierenden mit Einsicht in die Ambivalenz von Schöpfung und Nachschöpfung übertönte: Venedigs historische Aufgabe sei es doch, das Außerordentliche alltäglich zu machen. Und weil jede Oper letztlich dasselbe unternimmt, nämlich allabendlich Unmögliches geschehen zu lassen, mißt die Welt diesem so unwirklichen wie raffinierten Nachbau wohl solche Bedeutung bei, obwohl die eigentliche Eröffnung als Bühne erst im November 2004 mit Verdis "Traviata" erfolgen wird.

          Alles klang aus mit Richard Wagners so raren wie melodiescheuen und auf der Stelle tretenden Märschen. Der Komponist, der im alten Fenice einst seine allerletzte Musik - die eigene naturgemäß - vernommen hatte, verwob als orthodoxer Dresdner in seinen Kaisermarsch gleich mehrmals Luthers "Feste Burg". Für das so katholisch-mediterrane wie fragile Fenice, jetzt mehr denn je Reservat des mythischen Vogels aus der Asche, ist dieses trutzige Motto gewiß nicht das schlechteste.

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