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Vegetarismus : Verbraucher, es geht um die Wurst!

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„Im Moment ist Fleisch mit Dioxin belastet. Dazu nein zu sagen hat nichts Philosophisches.” Bild: ©Helmut Fricke

Wir müssen aufhören, darauf zu warten, dass der Staat uns schützt, und endlich Verantwortung übernehmen: für uns, unsere Kinder, die Welt. Ein Appell des amerikanischen Schriftstellers Jonathan Safran Foer.

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          Ich bin's leid, über Essen nachzudenken. Sie nicht? Das ist bis zu einem bestimmten Punkt interessant - macht fast Spaß, ist fast inspirierend -, aber über diesen Punkt sind wir seit ein paar Jahren hinaus. Jetzt ist es bestenfalls lästig. Finden Sie diese regelmäßige Flut von Meldungen, dass dieses oder jenes Nahrungsmittel gefährlich oder potentiell tödlich sei, nicht auch ermüdend? Wie eine verdeckte Ermittlung ergeben hätte, dass Massentierhaltung nicht nur unseren Wertvorstellungen widerspricht, sondern dass das Fleisch falsch etikettiert war? Haben wir nichts Besseres zu tun, als darüber nachzudenken, ob ein Hamburger zur Erderwärmung beiträgt? Doch. Aber wir haben nicht die Wahl.

          Warum eigentlich nicht? Warum schützt uns niemand? Es steht doch so viel auf dem Spiel: unsere Gesundheit, das empfindliche Ökosystem, das Schicksal von Milliarden Tieren. Auch unsere Zeit. Drei Jahre habe ich an "Tiere essen" gearbeitet, in der Annahme, das Thema dann ad acta legen zu können. Aber ich schaffe es nicht. Die Sache lässt mich nicht los. Geht es Ihnen auch so? Ich bin kein Aktivist in irgendeiner Sache und auch nicht übertrieben gesundheitsbewusst. Ich bin im Grunde ein ganz normaler Esser. Ich mag schmackhafte Dinge, ich mag Essen, das relativ einfach und nicht teuer ist. Essen zählt für mich zu den schönsten und wichtigsten Freuden im Leben. Aber manche Dinge würde ich, genau wie Sie, einfach nicht essen.

          Warum besteht bei Frauen, die Supermarktmilch trinken, eine dreimal höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie Zwillinge gebären? Warum kommen Mädchen fünf Jahre oder noch früher in die Pubertät als noch vor einer Generation? Warum gibt es bei Kindern plötzlich so viele Lebensmittelallergien? Warum wird bei Millionen von Menschen nach Fleischverzehr eine Lebensmittelvergiftung festgestellt? Warum geht das H1N1-Virus auf einen Schweinemastbetrieb in Amerika zurück? Warum wird immer wieder BSE-Alarm geschlagen? Warum ist Dioxin in unseren Lebensmitteln? Warum wurden wir unfreiwillig Objekte des größten wissenschaftlichen Experiments in der Menschheitsgeschichte?

          Jonathan Safran Foer
          Jonathan Safran Foer : Bild: Matthias Lüdecke / FAZ

          Was, wenn es an uns wäre, herauszufinden, ob Spielzeugeisenbahnen giftige Farbe enthalten? Wenn wir, als Verbraucher, bei den Herstellern anfragen und ihren Angaben vertrauen müssten, obwohl wir von jahrelanger Manipulation und Täuschung wissen? Vielleicht würden einige von uns die Fabriken inspizieren, um selbst zu sehen, woher das Spielzeug kommt, das wir unseren Kindern schenken. Aber die meisten würden wahrscheinlich sagen, dass es genug anderes Spielzeug gibt, und beschließen, vorläufig vielleicht keine Spielzeugeisenbahn mehr zu kaufen.

          Glücklicherweise schützt uns der Staat vor bleihaltiger Farbe. Doch sobald es um Lebensmittel geht - und jeder wird zustimmen, dass Essen wichtiger ist als Spielzeug -, verweigert uns der Staat seinen Schutz. (Es gibt zurzeit kein Land auf der Welt, das seine Bürger vor schädlicher, unmoralischer und giftiger Nahrung schützt.) Alle paar Monate, scheint es, wird ein neuer Fleischskandal gemeldet - aber ich habe noch keinen Bericht gelesen, dass Fleisch weniger schädlich, weniger unmoralisch oder sicherer sei als bislang angenommen. Unsere gewählten Volksvertreter interessiert das nicht.

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