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Kommentar : Flucht nach Polen

Er hat die Bedrohung der abendländischen Gesellschaft ausgemacht: Polens Außenminister Witold Waszczykowski Bild: Reuters

Polens Außenminister Waszczykowski hat benannt, was die abendländische Gesellschaft seiner Meinung nach bedroht: Vegetarier, Radfahrer und Rassenmix. Damit könnte er das neue Maskottchen der AfD werden.

          Als der neue polnische Außenminister neulich die aus seiner Sicht elementaren Probleme seines Landes benannte – dass es nämlich von der Vorgängerregierung hineingetrieben wurde „in einen neuen Mix von Kulturen und Rassen, eine Welt aus Radfahrern und Vegetariern, die nur noch auf erneuerbare Energien setzen und gegen jede Form der Religion kämpfen“ –, was wollte er damit eigentlich sagen?

          Folgt man Witold Waszczykowski, dann sind nicht Putin, IS-Terror und religiöser Fanatismus, sondern vor allem Vegetarier, Radfahrer und Rassenmix das, was die abendländische Gesellschaft und insbesondere Polen in ihrem Kern bedroht, wohingegen die faktische Lahmlegung des polnischen Verfassungsgerichts und die Direkternennung der Fernsehintendanten den Staat nur „von einigen Krankheiten heilen“ solle, zu denen man jetzt offenbar auch das zählt, wozu das alte Polen sich im Vertrag von Lissabon verpflichtet hatte, nämlich Rechtsstaatlichkeit, vor allem aber mit Lauchstangen bewaffnete Radfahrer.

          Sie sind eine schlimmere Gefahr für die polnische Gesellschaft als die Lahmlegung des Verfassungsgerichtes: Fahrradfahrer.

          Witold Waszczykowski, der sichtbar selten Fahrrad fährt und offensichtlich nicht auf Fleisch verzichten mag, ist nun mit dieser einen Bemerkung auch und gerade in Deutschland zum Helden aller fleischfressenden weißen Männer geworden, die das Abendland vor allem von Bratlingen, Windrädern und Frauenquoten bedroht sehen und Trost nur noch in den wenigen Rotary-Clubs finden, in denen Frauen noch immer nicht zugelassen sind und entsprechend ungestraft politisch unkorrekte Witze übers Kotelett hinübergekichert werden können.

          Könnte Waszczykowskis Ideal-Polen, das flüchtlingsfreie vollgaskatholische Atomwurstland, ihre neue Heimat werden? Könnte man nach Polen fliehen, wo Jaroslaw Kaczynski sich eben mit dem ungarischen Regierungschef Victor Orbán traf, um herauszufinden, wie man aus Warschau ein „Budapest an der Weichsel“ machen könnte? Wird die AfD, deren Mitglieder bisher nicht durch übertriebene Polenfreundlichkeit, aber entschlossene Kulturmix-, Windrad- und Frauenquotenfeindschaft auffielen, jetzt geschlossen Waszczykowskis neuem Polen beitreten? Oder Polen der AfD?

          Migrationshintergrund, Rennradfahrer und dann auch noch Veganer: Kochbuchautor Attila Hildmann vereint vieles, was Polens Außenminister nicht mag.

          Auch Sebastian Moll, Autor des Buchs „Jesus war kein Vegetarier“, ist seit 2014 AfD-Mitglied, und zwar vor allem wegen des Atomausstiegs und der Genderforschung und vermutlich auch, weil Jesus kein Vegetarier war und die Heiligen Drei Könige zwar leider deutliche Züge eines unleugbaren Kultur- und Rassenmix, aber nachweislich keine Solarzellen bei sich trugen. Wenn allerdings alle rund neunhunderttausend AfD-Wähler nach Polen auswandern würden, dazu alle deutschen Vegetarierfeinde, Fahrradhasser und Quotenkritiker, dann hätte man es an der Grenze mit einer wahren Flüchtlingswelle, einer Menschenlawine, einer Deutschenschwemme zu tun; und dann wäre Witold Waszczykowski am Ende vielleicht doch ganz froh über ein paar gemischtrassige Vegetarier, die die Grenze mit ihren Solarpaneelen dicht machen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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