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Vatikanisches Geheimarchiv : Hell ist hier nur der Scheiterhaufen

„Lux in arcana“ im Vatikan: Fünfundachtzig Regalkilometer und kein einschlägiger Begriff von Häresie Bild: Reuters/Vatikanisches Geheimarchiv

Gehört das etwa alles dem Papst? Für manche Schätze aus dem Vatikanischen Geheimarchiv, die nun erstmals öffentlich zu sehen sind, drückt man sich die Nase gern platt. Aber viel subtiler als bei Dan Brown ist es am Ende nicht.

          Er gratuliere hiermit dem „Chef der römischen Lehre“ zu seiner Papstwahl, schrieb der japanische Kaiser Hirohito am 7. Juni 1939 an Pius XII. alias Eugenio Pacelli. Das Schriftstück gehört zu den eher unspektakulären Dokumenten im Vatikanischen Geheimarchiv. Es ist aber eines der raffinierteren. Denn mit der Adresse „Chef der römischen Lehre“ ist im Ton der Wertschätzung zugleich eine Relativierung angedeutet. Wir haben es mit einer Lehre unter vielen zu tun, der Papst hat die Wahrheit - welch unhöflicher Begriff in japanischen Ohren - nicht etwa gepachtet, gibt Hirohito zu verstehen. Die Ausstellungsmacher überspielen das Moment der Irritation, indem sie das Glückwunschschreiben mit dem Zusatz versehen, „Chef der römischen Lehre“ sei ein Titel, der im Japanischen von „hoher religiöser Bedeutung“ sei - von welcher genau, bleibt einstweilen offen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Damit rühren wir schon an eine performative Eigentümlichkeit der Ausstellung „Lux in arcana“ (Licht ins Geheime), die in den Kapitolinischen Museen Roms derzeit eine Auswahl von einhundert Dokumenten aus dem Vatikanischen Geheimarchiv zeigt. Was bisher nur den Wissenschaftlern zugänglich war, wird nun erstmals einer breiten Öffentlichkeit vorgelegt - und zwar letztlich in der Regie des Papstes selbst, denn er ist der Eigentümer seines Privatarchivs, wie die korrekte Übersetzung von „archivum secretum“ lautet (obwohl die Ausstellung natürlich vom Nimbus des Geheimen zehrt, auch wenn sie nichts enthüllt, was nicht schon in Erfahrung zu bringen war). Auch andere Geheimarchive Europas wie das Preußische Geheime Staatsarchiv in Berlin verstehen „geheim“ seit je im Sinne von „privat“.

          Die Ikonographie der Kirchenkritik

          Indem der Papst sich in der Ausstellung selbst als wissenschaftssoziologischen Gegenstand unters Volk bringt, spricht er über sich in der historisierenden, vergleichenden Außenperspektive. Er ist das als Stellvertreter Christi auf Erden nicht unbedingt gewohnt. Als Johannes Paul II. im Jahr 2000 öffentlich um Vergebung für historische Akte kirchlicher Intoleranz bat, galt das weltweit als Sensation, und die Kurie murrte.

          Galileis Unterschrift

          Was mag man in der Kurie jetzt davon halten, wenn in der Ausstellung „Lux in arcana“ Flammen von einem Breitformat-Bildschirm züngeln, ein loderndes Ketzerfeuer, in das als Endlosschleife die Worte des Inquisitionspapstes Gregor IX. eingeblendet werden: „Excommunicamus et anathematizamus“ (wir schließen sie aus der Kirche aus und belegen sie mit dem Bann)? Eine Semantik der Ketzerverfolgung wird hier einfach ins Feuer geworfen - wohl in der Annahme, der Scheiterhaufen spreche für sich selbst. Anders gesagt: Die Ikonographie der Kirchenkritik, die in der Flammenschrift an der Wand fassbar wird, geht an Subtilität nicht wesentlich über Karlheinz Deschners „Kriminalgeschichte des Christentums“ oder Dan Browns „Illuminati“ hinaus.

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