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Geschlechterpolitik : Wie man eine Frau wird

Scheut keinen Gegner: Najat Vallaud-Belkacem Bild: AFP

Frankreichs Schulministerin bezeichnet den Gender-kritischen Papst Franziskus als Opfer von Desinformation. Dabei legt sie selbst die besten Beispiel vor, wie man Verwirrung stiftet.

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          Jetzt hat sie ein noch besseres Feindbild. Schriftsteller, Historiker, Philosophen wie Alain Finkielkraut, Jean d’Ormesson oder auch Pierre Nora, die ihre Reformen der Rechtschreibung und des Collège - mit der Abschaffung der „elitären“ zweisprachigen Klassen - zu kritisieren wagten, beschimpfte Frankreichs Unterrichtsministerin Najat Vallaud-Belkacem als „Pseudointellektuelle“. Dem Papst unterstellt sie, sich von den Manipulationen der französischen Fundamentalisten instrumentalisieren zu lassen: Er sei ein ziemlich willfähriges „Opfer ihrer Desinformation“. Auf dem Rückflug aus Georgien und Aserbaidschan hatte sich Franziskus auf die Gender-Theorien in den französischen Schulbüchern berufen und sie als Teil eines „Weltkriegs zur Zerstörung der Ehe“ bezeichnet.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Doch die Gender-Studien und praktischen Übungen in den Klassenzimmern sind kein Hirngespinst des Papstes. Das Beispiel, von dem Franziskus im Flugzeug den Journalisten erzählte, hat einen authentischen Hintergrund: Ein Junge gab auf die Frage, was er später werden wolle, die Antwort: „eine Frau“. Selbst wenn die Anekdote erfunden sein sollte - sie entspricht genau dem Kapitel eines Schulbuchs, das den Ärger der Traditionalisten provoziert hatte: „Mann oder Frau werden.“ Es geht noch auf die Zeit vor der Präsidentschaft Hollandes zurück. Als Reaktion hatte der Vatikan in Frankreich ein eigenes Werk herausgebracht: „Gender, la controverse“.

          Mit der Übernahme der Macht durch die Sozialisten wurde der Kulturkampf erneut angefeuert. Gegen den Widerstand der bürgerlichen Opposition und eines Teils der Kirche setzten sie die „Ehe für alle“ durch. Jahrelang sorgte das „ABCD der Gleichheit“, das die Ministerin den jungen Franzosen beibringen will, für Schlagzeilen und Ärger; inzwischen wurde es zurückgezogen. Es hatte die Behörden in Konflikt mit den Eltern muslimischer Schüler gebracht: Sie schickten ihre Kinder nicht mehr in die Schule.

          Islam als Pflichtstoff

          Auch bei der Reform des Collège, das zur mittleren Reife führt, glaubten viele Katholiken, eine Renaissance des linken Antiklerikalismus zu erkennen. Das christliche Mittelalter wurde zum Wahlfach degradiert, der Islam zum Pflichtstoff. In der Gesellschaft führt die religiöse Frage zu Spannungen wie schon lange nicht mehr; in der Schule ist man krampfhaft bemüht, sie zu entschärfen. Der brisante Stoff wird auf den Nenner „Christentümer und Islam: Welten im Kontakt“ gebracht - warum auch nicht? Ehrlicherweise müsste man beifügen, dass diese Ausrichtung ideologische Motive hat und vor der Einsicht kapituliert, dass man das Leben und Wirken des Propheten in den Klassenzimmern der Vorstädte nur noch als Hagiographie lehren kann. Ansonsten wird der Lehrer der Islamophobie bezichtigt.

          Am Montag unterstrich der linke Historiker Jacques Julliard im „Figaro“, wie sehr sich die französische Rechte inzwischen zum Laizismus bekenne. Und wie schwer sich die gutmenschliche, „mitleidende Linke“ mit ihm tue: „Ihr geht es vor allem darum, die Muslime nicht zu verletzen und zu ,stigmatisieren‘.“ So zimperlich und rücksichtsvoll sei die „republikanische Linke“ mit der Kirche nicht umgegangen: „Wäre es ihr darum gegangen, die Katholiken nicht zu ,stigmatisieren‘, hätte es die Trennung von Kirche und Staat nicht gegeben. Sie hat dem Land ein Jahrhundert des religiösen Friedens beschert.“ Er ist in Gefahr. Ihre „kommunitaristische Bigotterie“, so Julliard, werde nicht nur die Linke, sondern ganz Frankreich teuer zu stehen kommen.

          Mitte Oktober sind neue Demonstrationen gegen die „Ehe für alle“ angesagt. Von ihren fanatischen Gegnern habe sich Franziskus fehlleiten lassen, sagte Najat Vallaud-Belkacem im Rundfunk. Umgehend hatte sie sich auf die Steilvorlage aus dem Flugzeug gestürzt: Mit dem Papst als Feindbild und Kritiker kann sie nur an Profil gewinnen. Die Linke ist im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit und gegen den Terrorismus gescheitert. Umso eifriger frönt sie der Gleichheit (jetzt auch noch der Geschlechter), die ihre letzte ideologische Leidenschaft ist. 85 Prozent des gesamten Jahrgangs haben 2016 das Abitur geschafft, so viele wie nie zuvor. Das ist wahrscheinlich Weltrekord. Doch nach der Grundschule haben viele Schwächen im Lesen und Schreiben. Und bei den internationalen Vergleichen fällt Frankreich immer weiter zurück.

          Nun hat die Ministerin auch noch erklärt, sie wolle die obligatorische Schulzeit um insgesamt fünf Jahre erhöhen: Von drei (bisher fünf) bis zum Alter von achtzehn Jahren (bisher sechzehn) sollen die Franzosen die Schulbank drücken. Dieser Ansatz widerspricht allen Beteuerungen Hollandes und seiner Wirtschafts- wie Arbeitsminister, die unisono die Berufslehre propagieren, hat aber zur Folge, dass die 100 000 Jugendlichen, die jedes Jahr die Schule ohne Diplom verlassen, wunderbarerweise aus den Statistiken verschwinden. Wenn eine Frau dann auch noch den Papst zum Gegner hat, kann das doch nur richtig sein.

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