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Der „Tatort“ aus dem Saarland : Väter und Söhne

  • -Aktualisiert am

Hauptkommissare bei der Arbeit: Adam Schürk (Daniel Sträßer) und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov). Bild: SR

Der softboiled-Krimi in guter Form: Das neue „Tatort“-Team aus dem Saarland ist so lässig wie gefühlvoll, Fälle lösen Schürk und Hölzer wie nebenbei.

          3 Min.

          Wild ist der Westen bei uns nicht. Cowboys und Draufgänger haben es im Saarland immer schon schwer, wie der Reigen der „Tatort“-Kommissare aus Saarbrücken beweist. Auf den gemütlich verfressenen Max Palu (1988 bis 2005) folgten die fast schon verwegen korrekten Schnüffelnasen Kappl und Deininger (2006 bis 2012) und schließlich der zur Abwechslung nicht regional verwurzelte, aber in jeder Hinsicht weiche Jens Stellbrink, ein Yoga-Fan und Vespa-Knatterer. Warum man Devid Striesow, der doch eine gute Portion knackigen Osten hätte importieren können, einen derart verschnarchten Charakter angedichtet hat, bleibt das Geheimnis des Saarländischen Rundfunks.

          Auf Cowboys setzt man auch jetzt nicht – für Kontinuität sprechen schon das Buch von Hendrik Hölzemann und die Regie von Christian Theede: Die beiden waren verantwortlich für den vorletzten Stellbrink-Fall – und doch ist da ein klarer Bruch und sogar eine Portion Draufgängertum: Adam Schürk (Daniel Sträßer) und Leo Hölzer (Vladimir Burlakov), jung, unrasiert, stets im engen Pulli, wirken so lässig, als seien sie einem Männermode-Magazin entsprungen. Gefühl zeigen sie freilich auch, ganz offen der eine – bis hin zu Schießhemmungen –, eher verkapselt, aber desto rechtschaffener und zuschlagfertiger der andere. So geht es gleich schon los, als Schürk im Bus mitbekommt, wie ein Vater seinen Sohn zurechtstutzt, was für den Vater, so viel sei verraten, nicht gut ausgeht. Damit hat der Film sein Grundthema gefunden, das in der Folge gekonnt variiert wird, Klischees in Vater-Sohn-Konflikten nicht aussparend, aber durchweg die Körperspannung haltend.

          Auch Wahl-Brüder haben familiären Klärungsbedarf

          Dass der Bus in diesem Initialmoment die Sulzbachtalbrücke überquert, ist mehr als nur Inszenierung eines prominenten Lokalbauwerks. Kaum etwas illustriert nämlich unterschiedliche Perspektiven so gut wie eine gewaltige Autobahnbrücke. Von unten gesehen, dominiert sie das gesamte Tal, von oben hingegen schweift der Blick frei in die Landschaft, wobei man alles sieht, nur eben die Brücke nicht. Ähnlich dürfte die Aussicht eines Patriarchen alter Schule von seinem Feldherrenhügel sein. Bernhard Hofer (Dieter Schaad) ist so ein alter Übermann, Inhaber eines dazumal mit Munition und Uniformen reich gewordenen Familienunternehmens und bilderbuchbösartig. Der Sohn hat vor Jahren Suizid begangen, daher vererbt der steinalte Tyrann die Firma nun seinem jüngeren Enkel, einem Playboy-Ekel, während dessen sensibler, homosexueller (der Alte sagt „entarteter“) Bruder (Moritz Führmann) leer ausgeht und dazu vor aller Augen gedemütigt wird.

          Am nächsten Tag ist der Erbe tot. Post mortem wurde er mit sechzig Schlägen traktiert. Hölzer und sein neu zugeteilter Kollege, der sich als sein Jugendfreund Adam erweist – eine mit Geheimnissen belastete Freundschaft: „Du hast hier alles stehen und liegen gelassen. Und jetzt kommst du nach fünfzehn Jahren wieder und wunderst dich, dass dir der Hass hochkocht“ –, haben ihren ersten Fall. Und der ist kniffliger, als Hölzers nicht ganz nachvollziehbar gallige Kolleginnen Esther (Brigitte Urhausen) und Pia (Ines Marie Westernströer) entgegen dem „Tatort“-Gesetz annehmen: „Klare Sache, der Bruder war’s.“ Dass der Bruder es nicht war, ist damit nicht gesagt. Wichtiger wird allerdings das Zusammenspiel der Protagonisten, und da stimmt die Chemie. Auch die Wahl-Brüder haben familiären Klärungsbedarf, was in gewisser Spiegelung den Hofer-Handlungsstrang spiegelt.

          Beide Hauptdarsteller gestalten ihre Rolle eindrucksvoll aus. Man nimmt Burlakov den ruhigen Analytiker ebenso ab wie Sträßer den abgehärteten, impulsiven Rächer der Wehrlosen. Es geht in diesem „Tatort“ viel um nichttoxische, verletzliche und doch starke, auch erotische Männlichkeit, was gesellschaftspolitisch auf der Höhe der Zeit ist, uns aber nicht um Spannung, Witz und Action bringt. Nur an der bis in Kriegszeiten zurückreichenden Vergangenheitsbewältigung hat man sich (auf Relevanzsuche?) leicht verhoben. Dass Schürk und Hölzer einem Berg von Akten über Nacht Informationen abgewinnen, für die Firmenhistoriker Monate bräuchten, mag man dem Genre ebenso nachsehen wie die aus den Beteiligten nur so heraussprudelnden Geständnis-Erklärungen oder die allzu durchsichtig ausgelegten falschen Fährten. Einfach keine sonderlich gute Idee aber war es, Themen wie Zwangsarbeit und Strafwillkür im Nationalsozialismus mit duseliger Tränenhandlung samt gequältem Hund abzufertigen.

          Auf der persönlichen Ebene der Kommissare und ihrer Mitarbeiter ist dieser gut gespielte Einstieg gelungen. Äußere Spannung bei innerer Zugewandtheit und fast schon zärtlichem Bei-der-Hand-Nehmen, das ist im Krimi eine eher seltene Kombination. Wenn sich die Jungermittler und die Drehbuchschreiber jetzt noch ein wenig lockermachen und die Regie sich dafür wagemutiger gibt, kann daraus etwas werden. Endlich hätte das Land, in dem man, wie Wikipedia weiß, schon zum Frühstück mit Maggi gurgelt, bewiesen, dass es den landestypischen softboiled Krimi durchaus in knackig würziger Form gibt.

          Der Tatort: Das fleißige Lieschen läuft am Ostermontag um 20.15 Uhr im Ersten.

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