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Ute Frevert im Gespräch : Gefühle machen Geschichte

  • -Aktualisiert am

Aktivisten der Klimaschutzbewegung Fridays for Future in Berlin Bild: dpa

Die Historikerin Ute Frevert hat ein neues Buch über die Macht von Gefühlen veröffentlicht. Im Gespräch erklärt sie, welche Rolle Wut, Empathie und Angst in der deutschen Geschichte seit 1900 gespielt haben.

          7 Min.

          Frau Frevert, in Ihrem neuen Buch „Mächtige Gefühle“ betrachten Sie die deutsche Geschichte des 20. und bisherigen 21. Jahrhunderts ausgehend von 20 Gefühlen – von Angst über Freude bis Zuneigung. Zu den Gefühlen, die Sie ausgewählt haben, gehören auch Geborgenheit, Nostalgie und Neugier. Was verstehen Sie unter einem Gefühl?

          Bis ins 20. Jahrhundert hinein sprach man von Gefühlen als „Gemütsbewegungen“, das trifft es ziemlich gut. Gemütsbewegungen unterscheiden sich von Gedanken und Wahrnehmungen durch ihre in der Regel hohe Erregungsqualität, die sich im Körper abbildet. Wer liebt oder hasst, neugierig oder geborgen ist, empfindet das mit Haut und Haaren und bringt es körpersprachlich zum Ausdruck. Das gilt auch für Nostalgie, auf Deutsch: Heimweh. Ein Schweizer Arzt diagnostizierte es bereits 1688 bei einheimischen Soldaten, die in fremden Diensten standen und daran leibseelisch erkrankten.

          Wenn Sie die jüngere deutsche Vergangenheit aus der Gefühlsperspektive betrachten, was ergibt sich da?

          Schauen wir zum Beispiel auf die achtziger Jahre und die Nachrüstungsdebatte, die damals die Bundesrepublik spaltete. Angst vor einer Rüstungseskalation und einem dritten Weltkrieg war weit verbreitet, nicht nur in der aktiven Friedensbewegung. Menschen bekannten sich zu dieser Angst und zwangen die Politik, sich damit zu befassen. 1989 zeigten die Montagsdemonstrationen in der DDR, wie Menschen ihre Angst vor dem repressiven Staatsapparat überwanden und für Freiheit eintraten. Auch Empathie oder Wut können Berge versetzen, denken Sie etwa an die Antisklavereibewegung des späten 18., frühen 19. Jahrhunderts. Oder an das Jahr 2015. Angela Merkels Entscheidung, die Grenzen zu öffnen und Geflüchtete ins Land zu lassen, wurde vorbereitet von der Mischung aus Mitgefühl und Entsetzen, die die brachiale Politik der ungarischen Regierung bei vielen auslöste – sogar die „Bild“-Zeitung bezeichnete sie als „Schande“.

          Wesentliche Grundlagen für Ihr Buch sind Tagebücher oder Briefe, in denen Gefühle mit Worten benannt oder beschrieben werden. Wie kommen Sie von einer Gefühlsäußerung zum Gefühl?

          Wenn ich ergänzen darf: Es sind nicht nur Egodokumente, in denen ich Gefühle wiederfinde. Hinzu kommen Gerichtsurteile und Parlamentsprotokolle, Zeitungen und Filme, Lieder, Romane, Gedichte, Umfragen. Eine große Rolle spielen die Unmengen von Briefen, die Männer und Frauen, manchmal auch Kinder an die Repräsentanten des jeweiligen Staates richteten. Darin erzählten sie dem Präsidenten, „Führer“ oder Staatsratsvorsitzenden von ihren Gefühlen, von Angst und Sorge, aber auch von Begeisterung und Hoffnung. Sie hatten das Bedürfnis, dem Staatsoberhaupt mitzuteilen, was sie bewegte. Gefühle sind also ebenso kommunizierbar wie Meinungen, Wahrnehmungen und Interessen. Es gibt keinen Grund, die Äußerung des Gefühls vom Gefühl „an sich“ zu unterscheiden. In vielen Fällen macht erst die Äußerung das Gefühl dingfest.

          Wie lässt sich dann die oft auch sprachliche Inszenierung von Gefühlen, gerade in Diktaturen, erfassen? Dass Regungen oft erst durch ihre Benennung als Gefühl greifbar werden, bedeutet ja nicht, dass jedes Gefühlswort für ein erlebtes Gefühl steht.

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