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Usama Bin Ladin : Tod und Jubel

  • -Aktualisiert am

Feierstimmung nach einer gelungenen Tötungsaktion: Vor dem Weißen Haus in der Nacht auf Montag. Bild: REUTERS

Keine Trauer um Usama Bin Ladin. Aber ohne Einschränkung geäußerte Freude darüber, dass ein Mensch getötet wurde? Ein gewisses Bedauern wäre auch im vorliegenden Falle angebracht.

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          Es gibt viele Gefühle, die man angesichts des Todes von Usama Bin Ladin in sich entdecken kann. Gehört „Freude“ dazu? „Ich freue mich, dass es gelungen ist, Usama Bin Ladin zu töten“, sagte die Bundeskanzlerin am Montag, und viele freuten sich mit ihr. Ein Satz, der einem leichtes Frösteln bereitet. Genugtuung, dass Bin Ladin das Handwerk gelegt worden ist. Freude, dass es dem Mörder nicht gelungen ist, sich dauerhaft zu verstecken – all das sind verständliche Reaktionsmuster. Gewiss: Angehörige seiner tausendfachen Opfer werden ihre Rachegefühle befriedigt sehen – wer wollte es ihnen verdenken? Aber Freude darüber, dass einer getötet wurde? Und die gleichsam auch noch amtlich?

          Fast unhörbar im Jubel erklang die Stimme des Vatikans. Bin Ladin trage schwerste Verantwortung für Hass und Zwietracht in der Welt, sagte Federico Lombardi, der Sprecher des Papstes, fügte dann aber hinzu: „Ein Christ sollte niemals den Tod eines Menschen begrüßen.“ Wem das zu christlich ist, der mag sich der Worte Gandalfs in „Herr der Ringe“ erinnern: „Viele, die leben, verdienen den Tod. Und manche, die sterben, verdienen das Leben. Kannst du es ihnen geben? Dann sei auch nicht so rasch mit einem Todesurteil bei der Hand.“

          Dem Feind darf man nicht gleich werden

          Dass Usama Bin Ladin starb, war sein Risiko und der Preis, den er zahlte. Dass durch den amerikanischen Einsatz sein Tod in Kauf genommen werden musste, entspricht der Praxis bei Geiselnahmen – schließlich hatte der Terrorist eine ganze Welt zu Geiseln genommen. Aber diese Erwägungen sind immer noch Lichtjahre von der „Freude“ über den Tod entfernt. Nicht wegen Bin Ladins, sondern unseretwegen. Es gehört zu den Gemeinplätzen jedes im Namen der Humanität geführten Konflikts, dass man unter keinen Umständen so werden darf wie seine Feinde. Einer Zivilisation, deren Wurzeln sich der Freude über die Geburt eines Kindes verdanken, also dem Leben, steht es schlecht an, die Freude über die Tötung des Feindes zur Konflikträson zu machen.

          Man muss nicht so übermenschlich human sein, wie es Ludwig Wittgenstein war, der kurz vor Hitlers Selbstmord bemerkte: „In welcher schrecklichen Lage muss er sein“, und auch nicht so demonstrativ abgebrüht wie Thomas Mann, der bei der Todesnachricht nur sagte: „Who cares?“ „Wen kümmert’s?“ Beiden Reaktionen aber ist gemein, dass sie sich nicht auf das Spiel mit dem Erzfeind einlassen, das ihn noch mythisch erhöht. Sie bringen ihn auf den Boden rein verbrecherischer Tatsachen zurück. Die Dämonologie von „Erzfeind“, „Teufel“ und „Monster“, die die sofortige Tötung moralisch als einzigen Ausweg feiert, hat nämlich den unangenehmen Kollateraleffekt, dass sie aus Kriminellen das macht, was sie sich erträumen: den gefallenen Engel, den moralischen Antipoden, den Einzelnen gegen die Welt.

          Bedauern ist am Platz

          Dass es einer Allianz sämtlicher Weltmächte nach zehn Jahren „gelungen“ ist, einen Einzelnen zu töten, der sich in einem Luftkurort unter pensionierten Generälen versteckte, ist weniger der Kern eines neuen amerikanischen Erfolgsmythos als eines möglichen Mythos des Usama Bin Ladin. Als Hitler tot war, bedauerte man diesen Tod, weil es nicht gelungen war, ihn vor Gericht zu stellen. Dieses Bedauern wäre auch im vorliegenden Falle angebracht.

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