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Amerikanische Klimapolitik : Trumps Kriecher

Verwechselt man das Rück- mit dem Vorderteil der Seegurke, wird man gnadenlos verspeist. Bild: Picture-Alliance

Ein Gas, das dem Weltklima zusetzt: das „Molekül der Freiheit“? Die „Worst-Case-Szenarien“ der Klimaprognosen: „realitätsfern“? Man kommt nicht umhin, bei Trumps jüngsten Äußerungen an ein stachelhäutiges Geschöpf zu denken.

          Die Bilder fürs Familienalbum der Trumps sind selten die Bilder, die in unseren Köpfen hängen bleiben. Donald Trump liebt schöne Bilder, und die mit der Queen-Family im Buckingham-Palast kann ihm keiner mehr nehmen. Die anderen Bilder dagegen, die uns gestern vom Trafalgar Square übermittelt wurden, wo eine fünf Meter große sprechende Trump-Figur mit heruntergelassener Hose auf einer Goldtoilette saß, werden ihren Platz in unseren Herzen finden. Gleich neben dem Bild vom eitlen Goldfasan. Er ist quasi das Ebenbild des amerikanischen Präsidenten. Der Bürzel des Fasans ist, ganz nebenbei, genauso gefärbt wie die ausladende Haube: goldgelb.

          Das bringt uns zu den ständigen Begleitern des Präsidenten, die selten glänzen, aber immerzu darauf achten müssen, dass sie alle Sinne darauf richten, die korrekte Öffnung ihres Herrn zu finden. Der Zoologe kennt solche Kreaturen als „Fugenkriecher“, genauer: Eingeweidefisch, wissenschaftlich Carapidae – in der sinnfreien Enzyklopädie zutreffender als Inrektalus verschwindus bezeichnet. Diese bedauernswerten aalartigen Geschöpfe sind die natürlichen Begleiter der Seegurken. Trump als stachelhäutige Meereswalze geht natürlich nur in der Version Colorichus robustus, die gelbe Seegurke. Bei ihr wie bei ihren Artgenossen sind vorne und hinten nicht zu unterscheiden, was es dem Eingeweidefisch enorm schwer macht, die richtige Öffnung zu finden. Verwechselt er das Rück- mit dem Vorderteil der Seegurke, wird er gnadenlos verspeist.

          Realitätsferne Worst-Case-Szenarien

          Die cleversten Exemplare im Einzugsbereich der Trumps lauern derzeit offenbar im Energieministerium, mitten in Washington. Von dort kam jüngst im Zuge einer Exportgenehmigung für texanisches Flüssiggas eine patriotische Mitteilung über jenes Gas, das wie andere fossile Brennstoffe dem Weltklima erheblich zusetzt: Es möge „sich in die ganze Welt verbreiten“, das „Molekül der Freiheit“. Das war nicht etwa ein Verschreiber, sondern passt haargenau in das innere umweltpolitische Gebilde, das Trump zwischen seinen Bilderreisen intensiv pflegt.

          Den Arktischen Rat düpierte er neulich in Finnland, weil er seinen Außenminister anwies, den Hinweis auf den gefährlichen Klimawandel zu streichen und damit zum ersten Mal seit 1996 eine gemeinsame Abschlusserklärung der acht Staaten verhinderte. James Reilly wiederum, designierter Chef der Geologischen Behörde und zuständig für die Klimaberichte der Regierung, ließ sich etwas ganz Besonderes einfallen, um die Schließmuskeln der gelben Seegurke zu entspannen: Künftig sollten Klimaprognosen nicht wie üblich in den Modellrechnungen der Wissenschaftler bis zum Ende dieses Jahrhunderts, sondern nur noch bis zum Jahr 2040 publiziert werden. Außerdem seien „Worst-case-Szenarien“ wegen angeblicher „Realitätsferne“ zu streichen.

          Dieses Schönrechnen ist natürlich absolut realitätsfremd und noch dazu ein massiver Eingriff in die wissenschaftliche Autonomie. Aber wie sollte den Fugenkriecher das stören im Seegurken-Unterleib? Er lebt in einer anderen Welt. Eine, in der immerfort Mist produziert wird.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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