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Urheberrecht : Unter Piraten

  • -Aktualisiert am

Den Ernst der Lage hat Europa immer noch nicht erkannt, doch allmählich wird er ersichtlich: Die Aushöhlung des Urheberrechts im Internet bedroht die Grundlagen unserer Kultur. Hinter den „Gratis-für-Alle“-Parolen steckt eine zutiefst kunst- und geistfeindliche Haltung.

          Vor wenigen Tagen hat die amerikanische Rechtsprofessorin Pamela Samuelson vor Google gewarnt. Gelänge es dem Konzern, das Wissen der Welt zu digitalisieren, entstünde ein Monopol der Bewusstseinsindustrie. Der Ernst der Lage ist in Europa noch nicht erkannt, trotz des „Heidelberger Appells“, in dem tausendfünfhundert namhafte Autoren, Verleger und Wissenschaftler die Bundesregierung auffordern, sich dagegen zu wehren, dass die für Literatur, Kunst und Wissenschaft geltenden Grundrechte untergraben werden.

          Was Google ganz legal vorantreibt - ohne besondere Rücksicht auf die Urheber der Werke die größte digitale Bibliothek der Welt zu werden -, wurde von einem Stockholmer Gericht soeben in einem aufsehenerregenden Prozess mit Gefängnisstrafen geahndet. Die Texträuber der Internet-Tauschbörse „Pirate Bay“ sehen sich als Freiheitskämpfer gegen das Kommerz-Imperium. Ihrem Weltbild zufolge geben sie den armen Internetnutzern nur, was sie den Reichen nehmen - und bekämpfen so vor allem eins: das Urheberrecht. Nicht anders funktioniert die Google-Werbung, die die millionenfache Digitalisierung der Bücher als Dienst an der Menschheit preist. Gerade Google aber zeigt, worum es hier geht: ums Geschäft.

          Zynischer Idealismus

          Mit Idealismus hat das, was da und anderorts online geplant wird oder schon geschieht, nichts zu tun. In Wahrheit zeigt sich hier eine zutiefst kunst- und geistfeindliche Haltung. Tatsächlich unternehmen die vermeintlich „gemeinnützigen“ Piraten ebenso wie der Weltkonzern mit dem niedlichen Slogan „Don't be evil“ einen Angriff auf die künstlerischen Lebensgrundlagen und die kulturelle Vielfalt: Mit dem kostenlosen Zugang zu schöpferischen Werken wird der geistige Arbeiter bestohlen.

          1989 hatte Tim Berners-Lee das World Wide Web erfunden, um Forschern den Datenaustausch zu erleichtern. Nur zwanzig Jahre später hat die hehre Absicht in den Abgrund eines zügellosen Raubbaus an den kreativen Leistungen geführt: copy and paste heißt eben nicht copy and pay. Die Enteignungsmaschinerie Internet verdrängt CDs, Filme und Bücher, und, schwerwiegender noch: das Urheberrecht wird ausgehöhlt. Der ureuropäische Gedanke von der Autorität durch Autorschaft verflüchtigt sich. Wer diesen Verlust als Kleinigkeit betrachtet, verschleudert leichtfertig eine zentrale Errungenschaft der Aufklärung.

          Das geistige Eigentum ist der Knotenpunkt einer Kultur, die das Urheberrecht als Teil eines universellen Persönlichkeitsrechts betrachtet. Seine Missachtung schädigt nicht nur die Konzerne, die sich zum Lieblingsfeind der Open-Access-Bewegung besonders eignen. Sie schädigt auch die Piraten, die sich als Kulturfreunde geben, den Zugang zu jedem Werk der schöpferischen Phantasie anderer einklagen und dabei wie Parasiten den Baum zerstören, dessen Früchte sie ernten.

          Geistferne Zeiten

          Denn wenn der Urheberschutz fällt, sind all diejenigen bedroht, die künstlerische Werke überhaupt erst erzeugen. Vor zweihundert Jahren eingeführt, bot die Gesetz gewordene Utopie den Schriftstellern, Malern und Komponisten die Möglichkeit, mit ihren Werken die wirtschaftliche wie die geistige Existenz zu sichern. Und das war tatsächlich eine Revolution: Noch bei Goethe lässt sich die Verzweiflung nachlesen, die er als junger Mann empfand, als er durch Raubdrucke seines „Götz von Berlichingen“ in Not geraten war: „So war ich“, schreibt er, „zu einer Zeit wo man mir von allen Seiten her viel Aufmerksamkeit, ja sogar vielen Beifall erwies, höchst verlegen, wie ich nur das Papier bezahlen sollte, auf welchem ich die Welt mit meinem Talent bekannt gemacht hatte.“

          Auch die digitalen Raubdrucker schöpfen bereits erbrachte Leistung ab. Wollen wir das Urheberrecht wirklich dem Gratis-für-alle-Gedanken opfern und damit riskieren, dass diese geistferne Zeit noch ärmer wird? Wollen wir die Kreativen ihrem Schicksal überlassen und die bewährten Versorgungswege von Kultur, Information und Wissen aufgeben? Es wäre ein Schritt zurück in die vormoderne Vergangenheit, die nur Zyniker oder Naive herbeisehnen können, nach dem Motto: Künstlertum war schon immer mit Opfern verbunden.

          Google, ein weltweiter Kulturverwalter?

          Was aber bleibt den Autoren übrig, wenn niemand ihren Protest hören will? Sie könnten ihre Werke wie im Mittelalter nur noch mit einem Bücherfluch schützen - das dürfte heute so vergeblich sein wie damals. Ohne technischen und rechtlichen Schutz lässt sich diese Entwicklung nicht aufhalten. So ist jetzt noch mehr als die Justiz die Politik gefragt. Die schwedischen Piraten haben angekündigt, in Revision zu gehen, der Prozess könnte Jahre dauern. Bei Google können Autoren bis zum 5. Mai Widerspruch einlegen, sonst gilt der Vergleich mit der amerikanischen Schriftstellervereinigung, der für Juni erwartet wird. Zu Recht warnt der „Börsenverein des Deutschen Buchhandels“, dass „Google antritt, die weltweite Wissens- und Kulturverwaltung zu übernehmen“.

          Kurz nach ihrer Verurteilung sagten die Betreiber von „Pirate Bay“: „Wie in jedem guten Film verlieren die Helden am Anfang, feiern am Ende aber dennoch einen epischen Sieg. Das ist das Einzige, was Hollywood uns je beigebracht hat.“ Was sie nicht dazusagen: Keiner dieser Filme wäre ohne das Urheberrecht je entstanden.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

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