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Gartenkolumne : Gärtner im städtischen Guerillakampf

Städtische Gärten in Offenbach Bild: Maximilian von Lachner

Auf alten Flugplätzen und auf Biobalkonen engagieren sich Bürger beim Urban Gardening. Was in den siebziger Jahren begann, ist heute ein weltweiter Trend zum Wohle von Biene und Gemeinschaft.

          2 Min.

          Die Stiefmütterchen blühen schon. Der Grünkohl ist abgeerntet. Im Schatten des F.A.Z.-Redaktionshauses haben Anwohner des Frankfurter Gallusviertels mehr als dreißig Hochbeete auf dem begrünten Mittelstreifen der Frankenallee angelegt. Im „Gallusgarten 2“ säen und ernten sie seit drei Jahren gemeinsam. „Wir kümmern uns um die Biodiversität unter der Erde und über der Erde“, erläutert Initiator Ralf Hart. Denn der „nachhaltige Nachbarschaftsgarten“ in dem traditionellen Arbeiterquartier solle als interkultureller Garten auch die Inte­gra­tion fördern.

          Claudia Schülke
          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Grünflächenamt unterstützt sie dabei. Im angesagten Frankfurter Nordend hatten Aktivisten der Initiative „Kunst im Nordend“ schon 2007 auf dem Mittelstreifen der Friedberger Landstraße mehr als hundert Sonnenblumen gesät. In der benachbarten Lortzingstraße entsiegelte die Stadt als Kompensation für gefällte Bäume 120 Quadratmeter Parkplätze und befüllte sie mit Erde. Eine Anwohnerinitiative hat Narzissen, Zwiebeln und anderes gepflanzt.

          Imker und „essbare Stadt“

          Auch das Klima soll von solchem Bürgerengagement profitieren, das sich unter dem Begriff Urban Gardening weltweit ausbreitet. In der Lower Eastside von Manhattan waren schon in den Siebzigerjahren mehr als vierzig Community-Gärten mit offenem Nachbarschaftsanschluss entstanden. Hierzulande gärtnern mittlerweile Bürger in Köln, Nürnberg, Bremen und Hamburg gemeinsam. Die Humboldt-Universität Berlin hat 2003 eine Professur für Urbanen Gartenbau, seit 2009 für Urbane Ökophysiologie der Pflanzen eingerichtet. Anders als die sogenannten Guerilla Gardener, die, ebenfalls in New Yorker Tradition, städtische Brachen eigenmächtig mit Sämereien begrünen, arbeiten die Gemeinschaftsgärtner mit den kommunalen Behörden zusammen.

          Wildgarten auf dem Tempelhofer Feld in Berlin.
          Wildgarten auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. : Bild: dpa

          Nahe verwandt, aber nicht identisch ist das Konzept der „Essbaren Stadt“, das 2008 in England und Toronto entwickelt wurde. Im Jahr darauf folgten Kassel und Andernach mit städtischen Projekten. Noch ist die „Essbare Stadt“ hierzulande nicht einheitlich definiert, die Initiativen zum urbanen Lebensmittelanbau sind noch im Aufbau. Berlin hat den meisten Platz zu bieten für seine Stadtgärtner. Allerdings engagieren sich nur die Bewohner der innerstädtischen Kieze. Allein im „Allmende-Kontor“ auf dem Tempelhofer Feld sind mehr als 500 Bürger gärtnerisch aktiv. Wo früher Flugzeuge starteten und landeten, siedelten sich vor elf Jahren die ersten Stadtgärtner an. Mittlerweile werden hier mehr als 250 registrierte Hochbeete mit Gemüse bestellt. Vor ein paar Tagen hat das „Angärtnern“ begonnen. Auf der sogenannten Roten Insel in Berlin-Schöneberg wurden 2016 zehn Hochbeete von der TU angelegt und mehrsprachig ausgezeichnet. Dieser kleine interkulturelle „Inselgarten“ an der Gotenstraße, in dem Kräuter und Gemüse wachsen, soll als Gemeinschaftsprojekt der Initiativen „Über den Tellerrand“ und „Soul Garden“ die Integration fördern. Eine Imkergruppe ist auch dabei.

          130 Arten auf einem Balkon

          Zum Urban Gardening gehört das individuelle, doch gut vernetzte Balkongärtnern mit seinem Trend zum Natur- und Biobalkon. Katharina Heuberger hat im fünften Stock einer Wohnanlage zwischen dem Münchner Hauptbahnhof und der Donnersbergerbrücke ein Paradies für Wildblumen geschaffen. Mehr als 130 Insekten- und Vogelarten haben Wissenschaftler auf ihrem zehn Quadratmeter großen Balkon bestimmt. Feldwespen landen auf blauen Duftnesseln, Stieglitze naschen an den Milchsamen der Kornblume, Schmetterlinge schlürfen Nektar aus dem Natternkopf. „Die Wildbienen schlüpfen schon, ich habe im März einjährige Ackerwildblumen gesät“, sagt sie. „In unseren stark versiegelten, blütenarmen Siedlungsräumen ist jeder Blumentopf mit einheimischen Wildpflanzen ein Gewinn für die Artenvielfalt. Geranien sind ökologisch sinnlos.“ Für ihr Projekt „Wilder Meter“ hat sie voriges Jahr den Bayerischen Biodiversitätspreis erhalten.

          Gemeinschaftswerk: Der Internationale Garten in Rüsselsheim
          Gemeinschaftswerk: Der Internationale Garten in Rüsselsheim : Bild: Cornelia Sick

          Auf dem Balkon von Birgit Schattling in Berlin sind vier Eichhörnchen groß geworden. Sie kultiviert Nutz- und Wildpflanzen für ihre Selbstversorgung. Gerade erst hat sie ihren 9. Online Bio-Balkon Kongress zum biologisch tierfreundlichen Gärtnern auf kleinem Raum angeboten. An diesem Wochenende (2. bis 4. April) sind Interviews und Vorträge unter www.bio-balkon.de mit und von Experten zum Thema kostenlos zugänglich.

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