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Update! : Die ältesten Texte des Nibelungenstoffes?

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"Es wäre eine Sensation" - ebenso neugierig wie vorsichtig äußern sich Germanisten über die im Zisterzienserstift Zwettl gefundenen "ältesten Texte zum Nibelungenstoff".

          "Es wäre eine Sensation" - ebenso neugierig wie vorsichtig äußern sich Germanisten, die die im Zisterzienserstift Zwettl gefundenen "ältesten Texte zum Nibelungenstoff" bislang noch nicht gesehen haben. Die zehn, schwer lesbaren Pergamentstücke sind jeweils etwa drei mal acht Zentimeter groß, Fitzel sozusagen, und sollen aus dem zwölften Jahrhundert stammen. "

          Schon erstes oder zweites Viertel des dreizehnten Jahrhunderts wäre faszinierend", sagt der Marburger Professor Joachim Heinzle, Nibelungenliedexperte und Handschriftenspezialist. Die Kunsthistorikerin und Stiftsarchivarin Charlotte Ziegler führt neben paläographischen Befunden, die sie in Österreich und in den Vereinigten Staaten einholte, auch inhaltliche und historische Argumente an, ihren Fragmentefund vor zwei Jahren als älteste Fassung des Nibelungenstoffes anzusehen.

          Kunstsinniger Bischof

          Sie entzifferte inzwischen nicht nur die Namen "Swamerole", "Siverit", "Kunig von Ezel", und "Pilgrim", was für Spielmann, Siegfried, König Etzel und Pilgrim von Passau steht. Jener kunstsinnige Bischof war auch Vorbild für den späteren Passauer Bischof Wolfger, der den Minnesang förderte und das Nibelungenlied vermutlich zwischen 1198 und 1204 aufschreiben ließ, wovon aber nichts erhalten ist.

          Diese legendäre Fassung ist der Nachwelt nur durch Zitate von Wolfram von Eschenbach aus dem Jahr 1204 bekannt. Heute kennt man fünfunddreißig handschriftliche Überlieferungen des Nibelungentextes; von den meisten sind nur Bruchstücke erhalten. Die drei vollständigen Fassungen des Nibelungenliedes stammen aus der zweiten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts. Wolfger von Passau war befreundet mit dem Kuenringer Hadmar II., der zweiten Stifterfigur des Zisterzienserklosters, und hielt sich oft in Zwettl auf.

          "Klage"-Fragmente

          Auch Begriffe wie "sagete di mere" (sagte die Mär) und andere Textstellen, noch mit Fragezeichen und Auslassungen versehen, geben laut Charlotte Ziegler Hinweise darauf, daß im niederösterreichischen Zwettl "Klage"-Fragmente, frühe Formen des Nibelungenliedes, vorliegen: "kunigin . . . eine degene begunde weinen sivrit? besach . . . minneglich . . . triwer? verzeret" - was frei übertragen heißt, daß die Königin (Kriemhild) weinte, sich vor Trauer verzehrt, als sie Siegfried vor sich liegen sah. Charlotte Ziegler hat einige Fragmente im Frühjahr 2001 beim International Congress of Medieval Studies am Institute of Cistercian Art and Literature in Michigan erstmals vorgestellt, inzwischen hat sie ihre Forschungsergebnisse publiziert (in "Neue Materialien aus der Stiftsbibliothek Zwettl"). 

          Im Stift Melk, der weltberühmten Klosterbibliothek, nicht weit von Zwettl gelegen, waren 1998 ebenfalls Teile des Nibelungenliedes entdeckt worden, die freilich aus dem letzten Viertel des dreizehnten Jahrhunderts stammen. Die Bedeutung eines älteren Fundes liegt darin, daß Wissenschaftler seit langem von schriftlichen Vorformen der drei bekannten Heldeneposfassungen überzeugt sind. Aber für diese Vermutungen gab es bislang keine Beweisstücke. Die Pergamentstücke sind vermutlich Jahrhunderte nach ihrer Beschriftung als wertlos angesehen, zerschnipselt und als Verstärkungsmaterial für Bucheinbände verwendet worden. So kam es auch, daß Charlotte Ziegler die Textfetzen lose in Schachteln fand. Von der Makulaturforschung erwarten sich Germanisten noch einige Erkenntnisse über frühe Texte des Mittelalters.

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