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Unwort des Jahres : Ohne Alternative

Nina Janich, Sprecherin der Jury, präsentiert auf einem Tablet das Unwort des Jahres. Bild: dpa

Einmal im Jahr beschäftigt ein zum Unwort erkorener Begriff die Öffentlichkeit. Gefordert wird mehr Verantwortung im sprachlichen Handeln - wie anmaßend.

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          Und was ist sonst noch so passiert? Das Unwort des Jahres 2017 ist raus, die Jury der sprachkritischen Aktion hat es, das Unwort, nach eigenen Angaben auch diesmal wieder begründet, also nicht ohne Grund aus den von der Zivilgesellschaft eingesandten Unwortvorschlägen ausgewählt. Und zwar gemäß dem seitens der Jury eigens ausgewiesenen Grundsatz, wonach Wörter genau dann zu Unwörtern würden, wenn sie gegen die Menschenwürde verstoßen oder gegen die Demokratie oder auch nur euphemistisch, verschleiernd, irreführend seien.

          Und sogar eine bloß intentionale Komponente könne aus einem Wort ein Unwort machen, wie die Jury – eine Handvoll Sprachwissenschaftler, ergänzt durch einen Medienmenschen sowie die Street-Künstlerin Barbara – gestrenge feststellt, dann nämlich, wenn ein Wort gedankenlos oder mit kritikwürdigen Intentionen verwendet werde. Leitend für das Engagement der Jury wiederum sei, so entnimmt man deren Homepage, eine weltverbessernde und darum der Kritik entzogene Intention: nämlich die Hoffnung auf mehr Verantwortung im sprachlichen Handeln.

          Schonendes Aneinander-Vorbeireden

          Auf so viel Gravität von höchster linguistischer Warte im Dienst von Menschenwürde, Demokratie und Gedankenzucht ist man in seinem hundsgemeinen Sprachalltag erst einmal nicht gefasst. Hat man nicht schon genug Mühe, sich im sozialen Nahfeld, daheim und unterwegs, in Beruf und Freizeit verständlich zu machen, sich da irgendwie durchzulavieren mit Hilfe der Kunst des schonenden Aneinander-Vorbeiredens – was sind Takt und Höflichkeit anderes als Akte des Verschleierns? – oder mit Hilfe eben doch des rabiaten Blaffens, bei dem weder Sender noch Empfänger auf der Frequenz von Demokratie und Menschenwürde funken; da schlagen Türen, Rauflust schießt ins Kraut, bei allerschwärzester Intention selbstverständlich, gedankenlos und unverantwortlich, dass sich die Balken biegen. Warum sollte, was im privaten Raum geht, sich nun aber nicht auch öffentlich abbilden dürfen, ohne dass ein bestimmtes „Denkkollektiv“ (Ludwik Fleck) – um nichts anderes handelt es sich ja auch bei Schiedsgerichten namens Jury – einen Anschlag auf Demokratie und Menschenwürde ausruft?

          Ja doch, der Begriff „alternative Fakten“, welcher als neues Unwort gewonnen hat, geht politisch gar nicht; warum er gar nicht geht, stand 2017 über Monate hinweg überall zu lesen. Sprachphilosophisch sieht das schon anders aus, da sind Unworte auch nur Worte wie Undinge Dinge und Unkosten Kosten sind. Sprachphilosophen wissen, dass sich Worte und Redewendungen an ihren Rändern regelmäßig selbst versäumen und an jeden Unfug anschließbar sind, weswegen hier umgekehrt auch politische Sprachmonster nicht gleich die Pferde scheu machen.

          Man sieht, es bleibt eine Frage des Denkkollektivs, wann bei wem welche Alarmglocken schrillen. Elementares ist im Reich der Sprache nicht zu haben – anders, als es der objektivistische Gestus der Unwort-Jury nahelegt. Und was ist sonst noch so passiert? Das neue Unwort wird überall vermeldet, als wäre es nicht schon ein alter Fisch. Die Öffentlichkeit, labil und neurotisch, wie sie nun einmal gebaut ist, stabilisiert sich mit einem gewohnt sagenhaften Echo.

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