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Unterwegs mit Jonathan Lethem : Im Roman käme jetzt gleich die Wehrmacht

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„Wir stecken immer noch im zwanzigsten Jahrhundert“: Jonathan Lethem im Keller von Schlachthof 5, wo die Gedenkwand nach dem Hochwasser des vorigen Sommers noch verhüllt ist. Bild: Foto Thomas David

Von den Schauplätzen seines neuen Romans bis in den Keller von Kurt Vonneguts „Schlachthof 5“: Ein Ausflug mit dem amerikanischen Autor Jonathan Lethem nach Dresden.

          6 Min.

          Feuchter Wind, ein kahles Land. Irgendwo im Brandenburgischen ein außerplanmäßiger Halt. Karge Bäume an der Trasse, dahinter eine weite Ebene im Schnee. Die junge Frau auf einem der Fensterplätze des Abteils greift nach ihrem Handy und kontrolliert den Empfang. Jonathan Lethem faltet die „International New York Times“ zusammen, die er vor der Abfahrt in Berlin noch schnell gekauft hat, legt sie auf den leeren Platz neben sich und sieht aus dem Fenster. Deutschland, ein Wintermärchen. „Wenn dies ein Roman von Philip K. Dick wäre“, sagt der amerikanische Schriftsteller, „würden wir jetzt gleich ein paar Soldaten der Wehrmacht sehen, die durch den Schnee auf den Zug zukommen und unsere Papiere kontrollieren.“

          Lethem trägt eine hellblaue Hose, einen schwarzen, wie von feinen Notenlinien gestreiften Pullover; Winterstiefel mit Thermofutter. Die Frau am Fenster muss heute noch nach Prag. „Dick schreibt in einigen seiner Stories über das Einfrieren der Zeit“, sagt der 1999 mit dem Roman „Motherless Brooklyn“ berühmt gewordene Lethem, „über unseren Glauben, dass die Zeit und die Geschichte kontinuierlich weiterlaufen, während wir in Wahrheit irgendwo steckengeblieben sind.“

          Eingefroren im historischen Augenblick

          Grauer Himmel, Strommasten auf schneebedeckten Feldern, in der Ferne sieht man ein paar Häuser. „Als Amerikaner erliegt man gern der Phantasie, der Vergangenheit entkommen und neu beginnen zu können, und auch ich habe erst allmählich begriffen, dass die Bilder des Zweiten Weltkriegs, die mir als Kind und Jugendlicher wie eine längst abgeschlossene Geschichte erschienen waren, nach wie vor brandaktuell sind. Wir sind wie eingefroren in diesem historischen Augenblick.“ Lethem legt ein Bein über das andere und lehnt sich ins Sitzpolster zurück: „Seit Jahrzehnten im Trauma des Zweiten Weltkriegs steckengeblieben, und diese Erkenntnis führte mich direkt zum Schreiben meines neuen Romans.“

          In „Der Garten der Dissidenten“, seinem neunten Roman, der auf Deutsch am 21. Februar erscheint, erzählt der 1964 in New York geborene Schriftsteller die wechselvolle Geschichte einer Familie in Queens, ein drei Generationen überspannendes Epos über gesellschaftliche Ideale und politische Utopien, in dessen Zentrum Rose Zimmer steht, eine in den fünfziger Jahren von der amerikanischen Kommunistischen Partei ausgeschlossene, bis ans Ende ihres Lebens in die Ideologie ihrer Weltanschauung verkapselte Frau. „Als Kind der sechziger und siebziger Jahre war mir lange nicht klar, wie sehr die Gegenkultur dieser Jahrzehnte in den Erfahrungen der Großen Depression und der Kriegsjahre wurzelte und dass die Bohemiens und Hippies, unter denen ich aufgewachsen bin, diese angeblich vergangene Welt auf Schritt und Tritt mit sich herumtrugen.“

          Privatgespräche im Zug

          Lethem greift nach der Zeitung. Er amüsiert sich über einen Bericht über den kleinen Marsroboter, der zehn Jahre nach der Landung auf dem Roten Planeten noch immer seine Runden dreht. Er erzählt von seinen ersten Wochen in Berlin, wo er derzeit auf Einladung der American Academy mit seiner Familie lebt; von den dreieckigen Bleistiften, die der ältere seiner beiden Söhne für die Schule unbedingt braucht. In der schwarzen Ledertasche unter seinem Sitz befindet sich ein Exemplar von „Perpetrators, victims, bystanders“, Raul Hilbergs Buch über die Vernichtung der europäischen Juden, das Lethem gerade liest. Als sich der Zug nach längerem Halt endlich wieder Richtung Dresden in Bewegung setzt, seufzt die junge Frau am Fenster erleichtert auf.

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