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Unterwegs mit Jonathan Lethem : Im Roman käme jetzt gleich die Wehrmacht

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„Vor dem Schreiben meines neuen Romans hätte ich dies nicht formulieren können“, sagt Lethem, während er die Treppen ins Kellergewölbe von Schlachthof 5 hinuntersteigt, „,Der Garten der Dissidenten‘ hat mir geholfen, die spezifische Situation zu verstehen, in der ich als Amerikaner meiner Generation aufgewachsen bin. Für meine jüdische Großmutter, auf der die Figur der Rose Zimmer zum Teil basiert, war der Holocaust die ultimative, mit keinem anderen Verbrechen vergleichbare Monstrosität, während meine Hippie-Eltern als Pazifisten die Auffassung vertraten, dass jeder Krieg und jede Form von Nationalismus verdammenswert sind.“

Menschliches Leid im Angesicht des Krieges

Bretter lehnen an der Wand, in einer der dunklen Ecken des Kellers liegen offenbar ein paar Werkzeuge. Es riecht nach Farbe und Putz. „,Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug‘, Kurt Vonneguts Roman über die Luftangriffe der Alliierten auf Dresden“, sagt Lethem, „war neben John Herseys Reportage aus dem zerstörten Hiroshima das erste Buch, das ich als Jugendlicher las, das von einem universellen menschlichen Leid im Angesicht des Krieges zu erzählen schien.“

Lethems Blick streift durch den Keller, in dem Vonnegut als amerikanischer Kriegsgefangener die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 überlebte; die Gedächtnistafel, die an den 2007 verstorbenen Schriftsteller erinnert, ist von einer Plane verdeckt. Nach dem Hochwasser des letzten Sommers wird das von der Messe Dresden unter anderem als Garderobe genutzte Kellergeschoss derzeit saniert. Keine Spur mehr von den Fleischerhaken, vom Karbolgeruch, den Vonnegut in seinem 1969 erschienenen Roman erwähnt. Ein Ort ohne Erinnerung an die „riesigen Schritte“, als die Vonnegut die Einschläge der Bomben beschreibt, an Feuer und Asche, den Gestank toten Fleisches. „Das Grauen war real, grotesk und albtraumhaft“, sagt Lethem und macht mit seinem Smartphone ein paar Fotos vom Keller.

Die Zerstörung Dresdens als Obsession

In „Der Garten der Dissidenten“ wird die Zerstörung Dresdens für den in die DDR exilierten Albert Zimmer zur Obsession, zum Gegenstand einer revisionistischen, die Kriegsverbrechen der Deutschen herunterspielenden Pseudo-Forschung, wie ihm seine in New York lebende Tochter schließlich vorwirft. Für Jonathan Lethem ist die Stadt Symbol für ein fundamentales, im Laufe der Geschichte von unterschiedlichen Ideologien vereinnahmtes Leid: „Dresden ist eine Stadt, die uns unablässig daran erinnert, dass wir historisch und philosophisch noch immer in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts stecken.“

Nach wenigen Minuten packt er das Smartphone in seine Tasche, er ist bereit zu gehen. „Wir sind wie festgefroren in unserer Konfrontation mit den Schrecken des Weltkriegs und können menschliches Leid noch immer nicht ohne das von unseren politischen Überzeugungen, von Ideologien und Utopien eingefärbte Licht betrachten. Aber irgendwann schmelzen Politik und nationale Interessen dahin und werden einen anderen Blick freigeben.“ Er geht die Treppe hinauf und tritt vor Schlachthof 5 hinaus in die Kälte des Dresdner Nachmittags.

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