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Ukraine : Es ist Krieg, und sie feiern

Montagabend, mehr als zehn Kilometer entfernt vom Kiewer Majdan, beim „Kraina Mriy“-Festival: Serhij Zhadan (am Mikrofon) und seine Band Sobaki v Kosmose, zu deutsch: Hunde im Weltall Bild: Yulia Serdyukova

Vergangenes Jahr wurde er verprügelt, als er das Parlament in Charkiw verteidigte. Jetzt verteidigt er die Freiheit mit Musik – auf Tour mit dem ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan und seiner Band.

          Der Krieg – er sieht so aus: Ein Arm, breit und trainiert, zum Ellbogen zieht sich frische, rosige Haut hoch und zusammen. Durch diesen Arm ist eine Kugel gegangen. Igor dreht sich, zeigt dann die zweite Narbe auf demselben dicken, starken Arm. „Und hier hat mich die Kugel auch wieder schon verlassen“, sagt er leicht lächelnd wie ein zu großes Kind.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Igor hat ein Jahr für das Kiewer Freiwilligenbataillon gekämpft und wurde zweimal verletzt, im Osten. Und während er mir seine Wunden jetzt erklärt, zieht Kiew und eine kurze Sommernacht an uns vorbei. Igor ist der Freund einer Freundin einer Bekannten. Ich kenne ihn nicht, trotzdem fährt er mich aus einem Kiewer Vorstadtviertel – mit der Metro nicht zu erreichen – zurück in die Stadtmitte, zurück in mein Hotel.

          Polka im Kopf

          Noch vor einer einzigen Stunde wusste ich nicht, wie Schusswunden aussehen. Noch vor einer einzigen Stunde war der Krieg nicht zu sehen. Noch vor einer einzigen Stunde tanzten tausende narbenlose Körper zu der Musik der ukrainischen Rockband Sobaki v Kosmose, zu dem Gesang des ukrainischen Schriftstellers Serhij Zhadan auf einem Festival-Gelände.

          Im Polka-Rhythmus der Sobaki-Bläser sang Zhadan dort den Song „300 Chinesen“ und sang auch noch viel mehr, immer auf ukrainisch, immer zur leicht unterschiedlichen Musik. Denn die Musik von Sobaki v Kosmose (das heißt übersetzt: Hunde im Weltall) ist eine Zwischenmusik, eine Musik zwischen Rock zwischen Punk zwischen Ska.

          „Was machst du hier in der Ukraine?“, fragt Igor, während wir nun durchs Kiewer Zentrum fahren, der Vorort und das Festival liegen mehr als zehn Kilometer hinter uns entfernt, trotzdem tanzen die dreihundert Chinesen der Sobaki noch immer Polka in meinem Kopf.

          Wie ein Arzt, der seinen Patienten beruhigt

          Und ich versuche Igor etwas Halbkluges zu entgegnen, sage dann aber: „Ich will dieses Land jetzt verstehen, in seinem Jetzt, verstehst du?“ – „Auf einem Konzert?“, antwortet Igor, und dann schäme ich mich für mein Kunst-kann-die-Welt-erklären-Phantasma, schäme mich für diesen Reflex, der mich in die Ukraine gebracht hat, zuerst in den Nordosten, nach Charkiw.

          Zhadan (mit Flasche) und die Weltallhunde

          Dort beginnt alles, dort treffe ich, drei Tage, bevor ich mit Igor durch die Kiewer Nacht fahre, Serhij Zhadan in der Altstadt Charkiws zu einem Spaziergang. Auf einem Hügel zeigt er dann nach Norden: „Da hinten beginnt Russland“, sagt Serhij Zhadan, „nur fünfzig Kilometer entfernt“.

          Und ich will wissen, wo der Krieg ist. Dieser Krieg, der seit mehr als einem Jahr tobt, dieser Krieg, den viele Europäer heute trotz allem doch nur als „Krise“ bezeichnen. Wie weit ist es zur Front, zu den prorussischen und russischen Separatisten?, sage ich. „Mehr als zweihundert Kilometer“, antwortet Serhij Zhadan wie ein Arzt, der seinen Patienten zu beruhigen versucht.

          Sie war ein Synonym für das Fest

          Optisch ist er das Gegenteil vom Arzt-Klischee: seine Undercut-Frisur ist etwas Popstar, die Jeans und das T-Shirt sind eher Student. Zhadan ist Anfang vierzig, geboren im Gebiet Lugansk. Und doch ist er ein echter Charkiw-Eingeborener. Seit mehr als zwei Jahrzehnten lebt er hier, und hier spielt oft die Prosa Serhij Zhadans und auch die Lyrik. Als Teenager schrieb er seine ersten Gedichte, heute ist er der bekannteste Dichter seines Landes. Und Autor. Und vielleicht sogar auch Musiker.

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