https://www.faz.net/-gqz-wfd0

Unterwegs in der Antarktis : Tausende Tonnen Stahl gegen eine Wand aus Eis

  • -Aktualisiert am

In dieser Saison bleibt es beim Modell: Neumayer III Bild: Alfred-Wegener-Institut

Die neue deutsche Forschungsstation Neumayer III ist Wochen später als geplant in der Antarktis angekommen. Acht Meter hohes Eis trennt sie noch vom geplanten Bauplatz. Karoline Stürmer beobachtet den Kampf gegen die Naturgewalten.

          5 Min.

          Goldgelb von der Mitternachtssonne, hängt der Himmel über der „Polarstern“, als der deutsche Eisbrecher, immerhin der größte Forschungseisbrecher der Welt, mit vier Maschinen plus Hilfsdiesel gleichzeitig beschleunigt und das Schiff innerhalb weniger Minuten auf neun Knoten bringt. Bei voller Fahrt schiebt sich die „Polarstern“ seitlich auf das Eis, sie ruckt und bebt, rutscht und wird schließlich von der Schneeauflage gebremst. Ein leises Knacken und Knarren ist zu hören, wenn der Stahl das Eis zerdrückt und lange Risse zeichnet. Wieder ein paar Meter gewonnen. Mit voller Kraft zurück, ein neuer Versuch.

          Die letzten Meter sind die leichtesten. Wie ein Hobel arbeitet sich das Schiff die letzten zweihundert Meter durchs Eis. Zweieinhalb Stunden nach Mitternacht erreicht die „Polarstern“ die Schelfeiskante. Ein mehr als drei Kilometer langer Festeisrücken mit einer Mächtigkeit von mindestens acht Metern hatte ihr den Zugang versperrt. Acht Tage lang. Jetzt ist die Rinne frei und das Ziel in der Atka-Bucht erreicht. Der Plan von Kapitän Uwe Pahl ist aufgegangen, Hauptsache voran, wenn auch zentimeterweise.

          Acht Meter Eis und kein Platz zum Rammen

          „So dichtes Eis ist in der Atka-Bucht im antarktischen Sommer in den letzten sechzehn Jahren nicht mehr vorgekommen“, sagte Ulrich Bathmann mit Blick auf die Schelfeiskante, von der sich das aufgebrochene Eis nach dem Kraftakt der „Polarstern“ in großen Brocken ablöst. Das war Anfang Januar. Bathmann ist Meereskundler am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Er koordiniert als wissenschaftlicher Fahrtleiter die Expedition ANT-XXIV/2. Und das ist nicht wenig, denn die „Polarstern“ hat auf dieser Fahrt neben der wissenschaftlichen eine historische Mission zu erfüllen. Sie soll Anlieferung und Aufbau der neuen deutschen Antarktisstation - Neumayer III - sicherstellen. Es gilt, das dänische Frachtschiff „Naja Arctica“ sicher durch das Eismeer zu leiten. Dieses hat die Einzelteile der Neumayer-III-Station sowie die Wohncontainer für das Camp des 45 Mann starken Bauteams an Bord.

          Zimmer mit Ausblick: So soll Neumayer II einmal aussehen

          Die schlechten Eisbedingungen machten der Besatzung in den vergangenen Wochen allerdings das Leben schwer. Wäre alles nach Plan verlaufen, würden die rund vier Dutzend Bauarbeiter und Ingenieure schon seit Wochen die neue Polarstation aufbauen. Bereits für Mitte Dezember war die Entladung der Naja Arctica geplant. Das ganze Material muss auf eine zwölf Meter hohe Schelfeiskante des Nordanlegers gehievt werden.

          Aber alles kam anders: Zum anvisierten Termin war in der Atka-Bucht an ein Durchkommen selbst für die „Polarstern“ nicht zu denken. Die Bucht war komplett von bis zu acht Meter mächtigem Eis bedeckt. Für Rammaktionen gab es kein freies Wasser. Eine Situation, die bei allen an Bord Ratlosigkeit erzeugte.

          240 Tonnen Arktis-Diesel - aber nicht übers Eis

          Zuerst wurden die Lebensmittelcontainer mit dem Proviant für die alte Neumayer-Besatzung von der „Polarstern“ entladen, das war auf dem Meereis und noch ziemlich am Rande der Atka-Bucht. Das dänische Frachtschiff kämpfte sich da noch durch mehr als tausend Kilometer mehr oder weniger dichtes Meereis heran. Uwe Pahl dirigierte das Frachtschiff, wertete ständig aktuelle Satellitenaufnahmen aus, die Informationen über die Intensität und den Bedeckungsgrad des Meereises enthielten.

          Als die Naja Arctica schließlich die Atka-Bucht erreichte, lag die „Polarstern“ gerade weiter westlich, um einem anderen Teil ihrer Versorgungsaufgabe nachzukommen: der Übergabe von Treibstoff. Sprit darf nach Vorgaben des Alfred-Wegener-Instituts nicht über das Meereis transportiert werden. Das Risiko für die Umwelt bei einem Unfall ist zu groß. Nach intensiver Suche mit dem Hubschrauber fand sie eine Stelle, an der sich das Eis vom Schelfeis gelöst hatte und so ein direkter Zugang möglich war. An einer 35 Meter hohen Kante gelang die Entladung von 43.000 Litern Kerosin und mehr als 240 Tonnen Arktis-Diesel. Alle waren erleichtert. Denn auf Neumayer wurde der Treibstoff inzwischen dringend benötigt.

          Der Bautrupp muss warten - erst wird geforscht

          Während der dänische Frachter am Rande der Atka-Bucht wartete, bis womöglich ein Sturm das Eis auseinandertreibt, wurde auf der „Polarstern“ geforscht. Das hellte die Stimmung etwas auf. Endlich konnten Daten, Proben und Zahlen gesammelt werden. Drei Projekte werden in diesem Fahrtabschnitt im Rahmen des Internationalen Polarjahres gefördert: eines, das sich mit dem antarktischen Zirkumpolarstrom beschäftigt, dem weltgrößten geschlossenen Wasserring, der ständig die Antarktis umfließt. Ein weiteres, das die Verbindung der oberen Meeresschichten zur Tiefsee untersucht, und ein drittes, das den Krill als eines der dominierenden Wassertiere in der Lazarewsee im Auge hat.

          Lange, wochenlang hielt sich das Hochdruckgebiet über der Antarktis, keine Spur von atlantischen Tiefdruckgebieten und Sturm. Die Schiffe saßen fest, ebenso wie die Baumannschaft. Bis zum siebten Januar, da fällt die Entscheidung, die auf der „Polarstern“ Missmut auslöst: Die wissenschaftliche Arbeit wird vorerst abgebrochen. So sind Direktorium und Logistik des Alfred-Wegener-Instituts, Kapitän und Fahrtleiter übereingekommen. „Polarstern“, die sich auf drei Grad Ost befindet, nimmt noch am selben Abend direkten Kurs auf Neumayer. Die Zeit für den Bau der Station droht knapp zu werden.

          Dann öffnet sich überraschend eine Wasserfläche

          Das 26 Millionen teure Bauvorhaben ist gefährdet, wenn Naja Arctica in diesem Südsommer unverrichteter Dinge nach Kapstadt zurückkehren muss. Schon Ende Februar kommt der antarktische Winter zurück, und bis dahin müssen die Arbeiten so weit abgeschlossen sein, dass die Baugrube gegen Schneeverwehungen abgedichtet werden kann. „Wir haben nicht einmal die Hälfte der notwendigen Daten gesammelt. Ein Projekt hat noch nicht einmal begonnen“, klagt Bathmann. Sämtliche Projekte sind in große internationale Studien eingebettet, deren deutsche Beiträge jetzt fehlen.

          Alle hoffen, dass ihre Arbeit für höchstens ein paar Tage unterbrochen wird. Zwischenzeitlich kommt der Bautrupp an Bord der „Polarstern“. Einen Monat später als geplant. Und dann kehrt plötzlich der Optimismus zurück. Tatsächlich scheinen sich die Eisbedingungen in der Bucht deutlich zu bessern. Eine offene Wasserfläche - eine Polynia - hat sich geöffnet. Ein Erkundungsflug verschafft den Überblick: nur eineinhalb Meilen bis zum Anleger, doch das Festeis hat weiter eine Dicke von bis zu acht Metern. Jetzt soll eine Rinne von zwei Schiffslängen Breite in das Eis gerammt werden. Das gebrochene Eis soll dadurch genug Platz finden, um langsam in das offene Wasser zu driften.

          Sturm kommt auf - aber nicht zu Hilfe

          Mit zwanzigtausend Pferdestärken schiebt sich die „Polarstern“ auf das Eis und lässt es unter ihrem Gewicht von zwölftausend Tonnen zerbersten. Ihre doppelt verstärkte Außenhülle aus jeweils 58 Millimeter dickem Stahl ermöglicht ihr außerdem die Rammfahrt, wo andere Schiffe passen müssen. Drei Stunden geht es gut vorwärts. Dann wird es zäh. Der Schnee auf dem Eis absorbiert die Energie der Rammstöße wie ein Kissen und bremst das Fortkommen. Drei Tage geht das so. Dann verstärkt sich der Wind aus nordöstlicher Richtung. Im Schiff ist nur ein leichtes Vibrieren zu spüren, wenn der Rumpf im Sog des Eisstroms am Treibeis vorbeischrammt, und ein Ruckeln, wenn es von größeren Brocken gebremst wird.

          Dann kommt endlich Sturm auf, Windstärke neun. Die „Polarstern“ lässt sich treiben. Dreiundfünzig Wissenschaftler an Bord fiebern dem Höhepunkt des Sturms entgegen. Wird er stark genug sein? Und viel wichtiger: Wird er aus der richtigen Richtung kommen und das Eis wegtreiben? Gereiztheit wechselt mit Galgenhumor. Die Befürchtung, dass der Wind statt wie gewünscht aus Südost nur aus dem Osten kommt und die Fahrrinne nicht öffnet, sondern diese noch weiter verschließt, liegt in der Luft. Genauso die Sorge, dass das Eisbrechen auch noch die nächsten Tage andauern wird und damit das bereits stark gekürzte wissenschaftliche Programm völlig verdrängen wird.

          In dieser Saison bleibt nur noch Zeit für die Garage

          Nach dem Sturm die Enttäuschung: Der Wind hat das Eis nicht aufgebrochen, stattdessen das Meereis aus der ganzen Umgebung zusammengeschoben. Die „Polarstern“ kann noch schlechter als vorher manövrieren. Und: Das Wetter hat sich wieder stabilisiert. Kapitän Pahl entscheidet, die Rinne großflächiger als bisher zu räumen, lässt ganze Eisplatten aus dem Kanal schieben, um sich bis zur großen Blockade zum Festeisrücken durchzuarbeiten. Dort beginnt in der dritten Januarwoche das Abhobeln der dicken Eisplatten.

          Längst ist klar, dass die Fassade der neuen Station in dieser Saison nicht mehr gebaut werden kann. Ob das tragende Stahlgerüst noch errichtet werden kann, ist unsicher. „Wenigstens die Garage wollen wir mit ihrem Dach und einem Zwischengeschoss aufbauen, so dass die Baugrube dicht ist und nicht wieder von verdriftetem Schnee ausgefüllt wird“, meint der Chef der achtunddreißigköpfigen Baumannschaft, Detlef Behrends. Das zumindest klappt. Dann erreicht auch die Naja Arctica die Schelfeiskante und wird entladen. Die „Polarstern“ hat ihre erste Mission erfüllt. Und zumindest ein paar Tage bleiben auch den Wissenschaftlern noch, Proben und Daten zu sammeln.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schwäche der Parteien : Mehr Macht den Parlamenten

          Situationen wie in Thüringen wird es künftig öfter geben: Es findet sich keine Koalition mit einer Mehrheit im Parlament. Dadurch wird die Politik unübersichtlicher. Aber das muss nicht schaden – im Gegenteil.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.