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Unterwäsche-Ausstellung : Per Büstenhalter durch die Galaxis

So geht heute Museum? „Undressed“ im Londoner Victoria and Albert Museum will eine kurze Geschichte der Unterwäsche zeigen. Ein Schelm, wer dabei an Sponsoren denkt.

          3 Min.

          Schon der Titel ist eine Irreführung. Er schielt reichlich unverblümt auf einen Voyeurismus, den die Schau gleichwohl sittsam verweigert. Wer Unterwäsche trägt, ist nicht ausgezogen, jedenfalls bei der Mehrheit der Modelle. Nicht nur der Titel ist eine Mogelpackung, auch die Ausstellung selbst geht sehr nonchalant mit ihrem Gegenstand um, hüpft mit beliebig wirkenden Themensprüngen – noch bevor man die Krinoline erreicht, hat man schon den Wonderbra besichtigt – durch das Halbdunkel. Die Beleuchtung der Exponate in den Vitrinen führt zu Spiegelungen in den Scheiben, alles ganz so, als flaniere man an echten Schaufenstern eines Wäscheladens vorbei, nur dass eine perlende Klaviermusik das Ganze in Endlosschleife garniert.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Man zeigt erlesene Handwerkskunst aus Seide, Fischbein, metallenen Korsettschließen, baumwollenen Schnürungen, Brüsseler Spitze, wahre Meisterwerke der Schneiderkunst, filigran und kostbar und weit von dem Rupfen, mit dem sich die niederen Klassen bescheiden mussten. Auf die Frage heutiger Frauen, warum sich ihre Ahninnen das überhaupt antaten, gibt es keine befriedigende Antwort, nur jene naheliegende, die stellvertretend für den Adel die Duchess of Devonshire gibt: „Pride feels no pain.“ Wer schön sein will, muss leiden.

          Churchills Hausanzug

          Was indes nur für die Frauen galt, deren historisches Unterwäsche-Programm von zwei Konstanten geprägt war: Moral und Mode. Bei Männern stand stets die Funktionalität im Vordergrund, und abgesehen von ein paar Entwicklungen, die im Zug der schwarzen Mode aufkamen, geht es dort nicht um Sein oder Nichtsein, sondern um Slip und Boxer, was, im Victoria and Albert Museum, ebenso wie die lange Unterhose zu Recht nur gestreift wird.

          Der Löwinnenanteil der rund zweihundert Exponate konzentriert sich auf die Damenwelt, die geschätzt auch mehr als neunzig Prozent der Besucher stellt. Aus den Depots geholt wurde beileibe nicht nur klassische Unterwäsche, sondern auch Radhosen, Socken, Strümpfe, Schlafanzüge, Nachthemden, Hausmäntel und sogar ein einteiliger Sirenenanzug, den man im Zweiten Weltkrieg bei einem Fliegeralarm überstreifte und den Winston Churchill später als Hausanzug trug. Über-, nicht Unterwäsche also.

          Als die Büstenhebe zur Reizwäsche wurde

          Das seit dem achtzehnten Jahrhundert dominierende Korsett nimmt breiten Raum ein. Als formgebendes Element der weiblichen Silhouette ist es ebenso unerreicht wie überholt. Immerhin gab es auch damals schon Männer, die sich gegen den Wahnsinn dieser Einschnürung sträubten, vornehmlich aus medizinischen Gründen. Dass sich das Korsett zum Besseren, will sagen: tragbareren, weniger atemberaubenden Unterkleid entwickelte, verdankt sich dem Einsatz von Roxey Ann Caplin, die zusammen mit ihrem Medizinergatten Mitte des neunzehnten Jahrhunderts das Korsett komfortabler machte – und sogar Vorläufer heutiger Fitnessstudios betrieb.

          Rückfälle gab es doch, so etwa, als zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts der Monobusen angesagt war, der die Brüste zu einem möglichst eminenten Knödel zusammenpresste. Später verlieh ein S-Kurven-Korsett der modernen Frau einen übertriebenen Hüftschwung. Da war Lastex schon erfunden, das dann von Lycra abgelöst wurde; der Büstenhalter trat an die Stelle des Mieders, und die Büstenhebe wechselte ins Lager der Reizwäsche.

          Willkommen in einer Werbeveranstaltung

          Dass Schneider im achtzehnten Jahrhundert als „stay maker“ (Strebenmacher) beim Anpassen in ungewöhnliche intime Situationen kamen, leuchtet ein. Dennoch hätte man gern mehr über die Arbeitsbedingungen und den Aufwand erfahren, aber daran ist der heutigen Textilindustrie noch weniger gelegen als den Schneidermeistern der Vergangenheit. Und so ruiniert der Rundgang durch das Obergeschoss der Ausstellung den Gesamteindruck der Schau.

          Hier lernt man Offenkundiges: dass es heute keine Scheu mehr gibt, Unterwäsche sichtbar zu machen, als wüsste man das nicht aus dem öffentlichen Personennahverkehr. Dem Porno-Schick unserer Tage tragen Kleiderpuppen mit Latex-Ausstattung oder Bondage-Verkleidung Rechnung, alles aber sehr manierlich, wenn man bedenkt, dass es noch keine fünf Jahre her ist, dass auf dem Höhepunkt der „Shades of Grey“-Fesselspielwelle die Schlafzimmer des Vereinigten Königreiches von lauten Klapsgeräuschen widerhallten.

          Der Markt wird es schon richten. Damit sich die beiden Sponsoren der Schau – zwei bekannte Firmen der Dessous- und Kosmetikindustrie – auch ausreichend in Szene setzen können, gibt es Gelegenheit zu Product Placement und gefilmten Interviews mit Protagonisten der Unterwäschebranche. Ein Vertreter einer italienischen Luxusmarke verbreitet ungeniert landläufige „Unsere Philosophie“-Sprechblasen mit Sätzen wie „Intimität ist für uns ein Lebensstil“. Da fällt es auch wohlwollenden Besucherinnen wie Schuppen von den Augen: Sie haben fünfzehn Euro Eintritt für eine Ausstellung bezahlt und sind in einer Werbeveranstaltung gelandet.

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