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Zuvorkommende Männer : Kavalierskultur der alten Schule

  • -Aktualisiert am

Auf einem Moskauer Blumenmarkt im Vorfeld des Frauentags Bild: Picture-Alliance

Fangfrage: In Deutschland oder in Russland - wo ist eine Frau eine Frau? Von deutschen und russischen Kofferträgern.

          2 Min.

          Die Eigenheiten der Kultur, die in Russland ganz von Emotionen beherrscht wird, in Deutschland hingegen vor allem von Rechtsvorstellungen, bestimmen auch Formen der Frauenemanzipation. Eine gleichberechtigte russische Frau findet ihre Stärke gerade in ihrer Weiblichkeit, die sie selbstbewusst hervorhebt, was für den westlichen Geschmack freilich manchmal etwas übertrieben wirken kann. Zum 8. März, dem der Emanzipation gewidmeten internationalen Frauentag, putzen Russinnen sich bezeichnenderweise besonders heraus und lassen sich gern Blumen und Konfekt schenken. Die russischen Männer, die gemeinhin nicht gerade für ihren Charme berühmt sind, dürfen sich dann als Kavaliere fühlen.

          Modernen deutschen Frauen, die umgekehrt die Unterschiede zwischen Mann und Frau eher für überwindungsbedürftig halten, verpassen viele Russen daher das Etikett „quadratisch, praktisch, gut“. Und wirklich, bei einer deutsch-russischen Sommerakademie junger Orchestermusiker in Jekaterinburg waren die lokalen Studenten erstaunt über die weiblichen Gäste aus Deutschland, die in zerrissenen Jeans beziehungsweise im lässigen Unisex-Look herumliefen und Röcke manchmal gar nicht im Gepäck hatten. Ein türkischstämmiger Instrumentalist aus Deutschland gestand sogar, wegen der auch im Umgang so warmherzigen Frauen in Russland wäre er am liebsten dort geblieben.

          Wie Yin und Yang

          Auch mich hat es bei meinen Besuchen in Russland immer gerührt, wie in diversen Büros sitzende Männer, sobald eine Frau eintritt, ihr sofort ihren Stuhl hinschieben, ihr Tee anbieten und auch wie Kollegen einander zärtlich beim Namen im Diminutiv anreden. In Deutschland fühlt man sich frei, weil man ein Recht darauf hat. Vielleicht verliert dadurch die Schwäche des schwachen Geschlechts aber auch ihre poetische Stärke. Jedenfalls ist mir die stille Wut einer russischen Bekannten auf ihren deutschen Ehemann unvergesslich, die zum Familienfrühstück für ihn und die gemeinsamen Kinder belegte Brote auftischte und beobachtete, dass er sich immer das letzte Brot griff, ohne es einem der Kleinen oder ihr anzubieten. Die unschuldige Ungeniertheit des Familienernährers wirkte auf sie „krokodilhaft“ glatt und egozentrisch. Die Ehe ging dann später in die Brüche. Die Russin blieb aber in dem schönen Land des Rechts, wo in gepflegten Büros Männer sitzen, denen nicht im Traum einfallen würde, einer hinzukommenden Kollegin ihren Stuhl aufzudrängen.

          Auch darin ergänzen Deutschland und Russland einander wie Yin und Yang. Wenn ich mit einem Koffer durch Moskau laufe und vor einer Treppe haltmache, taucht sofort aus dem Nichts ein Mann auf, trägt für mich die Last hinauf oder hinunter und verschwindet wieder in der Menge. Aus dem Unterschied der Kräfte hat er eine schöne Geste gemacht. Wenn ich hingegen eine Kiste durch Frankfurt schleppe, bieten mir nur entweder Frauen ihre Hilfe an oder aber Männer mit Migrationshintergrund. Die deutschen weißen Männer hingegen, denen ich davon erzähle, amüsieren sich königlich über die Frage, wer denn heute noch zum Kofferträger tauge.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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