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Unter Blasphemie-Verdacht : Der Mann am Kreuz will uns etwas sagen

Kriegsopfer oder Kriegstreiber? George Grosz zeichnete seinen Christus mit Gasmaske gleich mehrfach, bevor ihm 1928 der Prozess gemacht wurde. Bild: INTERFOTO

Der Maler George Grosz hat in den zwanziger Jahren einen Jesus gezeichnet, an den sich ähnliche Fragen heften wie an die Mohammed-Karikaturen von „Charlie Hebdo“. Der Fall landete vor Gericht.

          Als „Charlie Hebdo“ in seiner ersten Ausgabe nach dem Attentat titelte: „Tout est pardonné“, begann das Rätselraten der Kommentatoren. „Alles ist vergeben“ - wer sagt das eigentlich? Der weinende Prophet Mohammed, der unter diesen Worten zu sehen ist? In den Händen hält er ein Schild mit dem Slogan „Je suis Charlie“, den sich seit dem Tag, an dem Islamisten bei dem Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ zwölf Menschen töteten, zahllose Sympathisanten zu eigen gemacht haben. Oder sollte das bedeuten, Mohammed habe den Karikaturisten verziehen? Verzeihen die überlebenden Karikaturisten den Attentätern? Oder verzeihen sie Mohammed, nach dem Motto: Er kann ja nichts dafür, dass Mörder ihre Taten mit seiner Lehre legitimieren? Was war das also, eine Geste der Versöhnung oder abermals ein Affront gegen Muslime, also Blasphemie?

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Für die breite Öffentlichkeit in westlichen Staaten gehören diese Punkte zu der großen Frage, wie man mit islamkritischen Karikaturen umgehen soll. Für Muslime, die der Lehre folgen, dass Mohammed nicht dargestellt werden darf, erübrigen sie sich. Für französische Gerichte auch, denn im laizistischen Frankreich wurde Blasphemie schon vor mehr als zweihundert Jahren als „imaginäres“ Verbrechen aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. In Deutschland gibt es den sogenannten Blasphemie-Paragraphen 166 im Strafgesetzbuch, der besagt: „Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“

          Inspiriert von Pissoirkritzeleien

          Geschützt wird also nicht Gott oder ein Bekenntnis vor Beleidigungen, sondern der öffentliche Frieden. Was Kritiker des Paragraphen - unter ihnen schon als Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger - argumentieren lässt: Das bevorzugt Bekenntnisse, die nicht stillschweigend dulden, wenn sie sich beschimpft fühlen. Politiker der Grünen und der FDP würden nach den Ereignissen von Paris den Paragraphen am liebsten abschaffen, die CSU ihn eher verschärfen, SPD und CDU beibehalten, wie er ist. Zur Anwendung kommt er ohnehin höchst selten.

          Um in Deutschland einen Fall zu finden, in dem Fragen wie jene, die sich an die Titelseite von „Charlie Hebdo“ heften, vor Gericht klären sollten: Ist das Blasphemie?, muss man mehr als achtzig Jahre zurückgehen. 1928 sollte der Gotteslästerungs-Paragraph nicht den öffentlichen Frieden, sondern religiöse Bekenntnisse vor Beschimpfungen schützen. Und in Berlin-Charlottenburg stand ein Künstler vor Gericht, der längst notorisch war für seine schonungslosen satirischen Zeichnungen und Karikaturen.

          George Grosz

          Georg Ehrenfried Groß war 1914 als Freiwilliger in den Ersten Weltkrieg gezogen. 1915 kam er zurück, kriegsuntauglich. Er änderte seinen Namen aus Sympathie für die Vereinigten Staaten und aus Protest gegen den deutschen Nationalismus in George Grosz, trat in die Kommunistische Partei ein und später wieder aus und wurde Dadaist. Seitdem attackierte er die vermeintlichen „Stützen der Gesellschaft“ (so der Titel eines seiner Gemälde von 1926) mit aller Schärfe: Er kippte den Deutschnationalen auf seinen Bildern Scheiße ins Hirn, zeigte Großkapitalisten mit Prostituierten, Kriegsgewinnler, Kriegstreiber und Spießer. Inspiriert waren seine Zeichnungen von Pissoirkritzeleien, seine bevorzugte Zielscheibe war das preußische Militär.

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