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Unter anderen Umständen im ZDF : Der Mörder hat Fans im Internet

Kommissarin Jana Winter (Natalia Wörner) am Tatort Bild: ZDF

In der neuen Episode des ZDF-Krimis „Unter anderen Umständen“ wird ein kleiner Junge ermordet. Der Täter inszeniert seine Tat im Darknet. Die „old school“-Ermittler um Kommissarin Jana Winter haben Mühe, den digitalen Spuren zu folgen.

          2 Min.

          Ein paar Kinder tollen am Ostsee-Strand, während sich der winterliche Tag seinem Ende zuneigt. Die Stimmung ist heiter, der kleine Jimmy, sechs Jahre alt, und seine große Schwester Savanna (Momo Beier), brechen Richtung Dünen auf, um noch ein bisschen Indianer zu spielen. Die Musik (Christoph Zirngibl) aber ist düster, beinahe gruselig, und sie bleibt es die nächsten knapp neunzig Minuten.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Zurück in die Ferienunterkunft, zum Vater, kommt nur Savanna, denn Jimmy ist verschwunden und mit ihm sein Hund. Zuerst vermutet die Polizei einen Unfall und glaubt, Jimmy könnte ertrunken sein, weshalb sie Taucher losschickt sowie einen Hubschrauber über dem Wasser kreisen lässt. Savanna allerdings, die der Polizei offenbar nicht zutraut, sämtliche Möglichkeiten der Suche zu nutzen, versucht auf eigene Faust, ihren Bruder wiederzufinden: Sie postet im Netz einen Hilferuf.

          Digitaler Hilfeschrei

          Als schließlich Jimmys erdrosselter Hund am Strand gefunden wird, ist den Ermittlern klar, dass ein Gewaltverbrechen geschehen ist, doch weder meldet sich ein Entführer mit einer Lösegeldforderung, noch gibt es ein Tatmotiv. Es ist ausgerechnet Savannas digitaler Hilfeschrei, der Licht ins Dunkel bringt: Ein anonymer Nutzer postet einen Link, der zu grauenhaften Fotos führt. Sie zeigen den toten Jimmy, blutverschmiert, die Augen weit geöffnet.

          „Unter anderen Umständen – Mutterseelenallein“ (Buch Zora Holt, Regie Judith Kennel) schildert das für Eltern furchtbarste aller Szenarien. Jimmys verwitweter Vater Christian (Stephan Grossmann) klickt die Fotos seines ermordeten Kindes im Internet an, eins nach dem anderen, wieder und wieder, und dieser Moment, in dem Ungläubigkeit und Schock Hand in Hand gehen, ist als Zuschauer schwer zu ertragen. Die Ermittlungen übernehmen Jana Winter (Natalia Wörner), Matthias Hamm (Ralph Herforth) und Arne Brauner (Martin Brambach). Brauner ist eine Legende, denn es gelang ihm vor mehr als zwanzig Jahren, ein vom Schulhof spurlos verschwundenes Mädchen nach dreißig Tagen wiederzufinden, von ihm erhofft sich das Team eine Art siebten Sinn, eine Idee, auf die sie selbst nicht kommen. Doch bald wird klar, dass das Internet und seine gewaltverherrlichenden Biotope nicht nur für Brauner, sondern auch für seine „old school“-Kollegen eine fremde Welt sind. Alwa Sörensen (Lisa Werlinder), eine begnadete Hackerin, taucht deshalb tief ins Darknet ein, wo sich ein hinter dem Pseudonym Ted Bundy Style verbergender User zu dem Mord an Jimmy bekennt – stolz und im Chat-Forum gefeiert von einer Netz-gemeinde, die bei der nächsten Tat live dabei sein will. Und der „Onlinekiller“, dessen Lust am Töten der Applaus der Fangemeinde beflügelt, liefert seinen blutrünstigen Anhängern, die einander gegenseitig hochschaukeln, das gewünschte Event. Was er nicht weiß, ist, dass auch die Polizei dabei zusieht, wie er eine alte Dame, die gerade staubsaugt, in ihrem Wohnzimmer niedersticht.

          Tummelplatz menschlicher Abgründe

          Was hier Fiktion ist, geschieht bekanntlich auch in der realen Welt. Immer wieder gibt es Fälle von live gestreamten Morden, Vergewaltigungen und anderen furchtbaren Verbrechen, die manchmal tagelang im Netz für jeden abrufbar sind und von Hunderttausenden gesehen werden, bis die Betreiber der Seiten sie löschen. „Unter anderen Umständen – Mutterseelenallein“ ist zwar keine Dokumentation mit einem aufklärerischen Ziel, doch dass sich der Krimi dieses Themas annimmt, ohne den Zuschauer zu schonen, ist ein Gewinn.

          Natalie Wörner als auch ihre Schauspielkollegen verkörpern glaubhaft die persönliche Erschütterung und bisweilen auch die Überforderung angesichts dieser besonders grausamen Verbrechen. Arne Brauner greift wieder zur Flasche und ist just in jenem Moment nicht zur Stelle, als Jana Winter ihn am dringendsten braucht. Auch die Nerven des Einsatzleiters Matthias Hamm liegen zusehends blank.

          In einer Szene charakterisiert Alwa Sörensen das Darknet als „ Tummelplatz der menschlichen Abgründe“, einen Ort, wo die Menschen ihre abscheulichsten Seiten zeigen. Das Böse findet man allerdings nicht nur dort.

          Unter anderen Umständen - Mutterseelenallein läuft heute um 20.15 im ZDF.

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