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Beherbergungsverbote : Panikprophylaxe

Zell am See, im Frühjahr ohne Gäste Bild: dpa

Wir brauchen Regeln, aber die richtigen. Beherbergungsverbote sind unsinnig. Warum beharren viele Politiker auf ihnen?

          3 Min.

          Wer hätte noch vor ein paar Monaten geahnt, dass im Jahr dreißig nach der deutschen Wiedervereinigung das Reizthema Reiseeinschränkung Deutschland derart in Rage versetzen würde? Wer hätte es sich in seinen bedrückendsten Träumen vorstellen können, dass dieses Markenzeichen des glücklicherweise untergegangenen ostdeutschen Staates nun das Leben aller Deutschen bestimmen würde? Wer wäre auf den wahnwitzigen Gedanken gekommen, dass die deutsche Kleinstaaterei eines Tages mit einer solchen Wucht wiederkehren und Demarkationslinien kreuz und quer durch das Land ziehen könnte? Jetzt ist der Tag gekommen, nur dass unsere Miniaturherzogtümer zu Bundesländern, Landkreisen und Stadtbezirken geworden sind. Seit Mittwoch wissen wir: Die Kanzlerin und die Mehrheit der Ministerpräsidenten wollen trotz aller begründeten Kritik, trotz aller erwiesener Sinnlosigkeit vorerst an Beherbergungsverboten als Mittel der Pandemiebekämpfung festhalten.

          Jedem ist klar, dass wir handeln müssen. Das Laissez-faire unserer Nachbarn in Frankreich und Spanien, Tschechien und Holland, deren öffentliches Leben ein zweites Mal gegen null gefahren werden muss, ist uns ein mahnendes Beispiel. So weit darf es hier unter keinen Umständen kommen. Doch die Notwendigkeit des Handelns enthebt die Handelnden nicht von der Verpflichtung, es mit Verstand und Vernunft zu tun. Verzichten sie darauf, sind sie bloße Aktionisten, denen es wichtiger ist, irgendetwas anstatt das Angemessene zu beschließen. Wir brauchen Regeln, aber die richtigen – und kein Beherbergungsverbot, das am Donnerstag von Gerichten in Baden-Württemberg und Niedersachsen wegen des unverhältnismäßigen Einschnitts in das Grundrecht auf Freizügigkeit gekippt wurde.

          Naiv und kindisch

          Im Gegensatz zur geschlossenen Phalanx der wissenschaftlichen Expertise scheinen viele Politiker allen Ernstes daran zu glauben, dass Corona zwar in kürzester Zeit den gesamten Globus erobern, dann aber zwischen Ostsee und Alpen mit Beherbergungsverboten im Zaum gehalten werden kann – die überdies nur für Touristen und nicht für Geschäftsreisende oder Pendler gelten. Das ist nicht nur naiv, sondern auch kindisch. Daran sollte Markus Söder jeden Morgen denken, wenn er sich beim Robert-Koch-Institut erst einmal darüber informieren muss, ob er als Bewohner Münchens gerade selbst Risiko-Deutscher ist oder nicht. Das ändert sich so schnell wie das Wetter im Herbst und führt zum Kern der Sache: Nicht wir, nicht unser Lebenswandel, nicht unsere Vorsicht oder Unvorsicht, sondern Regeln und Grenzwerte legen fest, welchem Risiko wir gerade ausgesetzt sind und welches Risiko wir selbst gerade darstellen. Das wiederum ist ebenso aberwitzig wie kontraproduktiv.

          Denn die Politik verlangt von uns permanent eine individuelle Risikoeinschätzung und ein entsprechend vernünftiges Handeln, behandelt uns gleichzeitig aber wie Kinder, denen man pausenlos sagen muss, was sie zu tun und zu lassen haben. Sie klagt von uns Verantwortungsbewusstsein ein und weist zugleich alle Verantwortung für steigende Fallzahlen mit der Begründung von sich, wir wären dafür verantwortlich und nicht etwa zu laxe Kontrollen in der nächtlichen Partyszene. Sie fordert von uns ein angemessenes und besonnenes Verhalten als Individuen und nimmt uns zugleich in Sippenhaft, nur weil wir in einem Risikogebiet leben, das morgen schon keines mehr sein kann. Sie appelliert an unsere Vernunft und verhöhnt sie zugleich mit einem undurchschaubaren Regelwerk. Ihr fällt nichts anderes ein, als uns zu drohen, einzuschüchtern, Angst einzujagen, anstatt um Vertrauen für ihr Krisenmanagement zu werben, und will nichts davon wissen, dass nur Despotien ihr Staatswesen auf der Basis von Angst gründen.

          Reisen kann riskant sein in diesen pandemischen Tagen, doch das Risiko liegt nicht im Reisen an sich, sondern im individuellen Verhalten des Reisenden. Das hat der zurückliegende Sommer bewiesen, in dem kein einziger deutscher Urlaubsort zu einem Hotspot geworden ist. Die wenigsten Touristen sind Partylöwen und Feierbiester, die an ihrem Ferienziel zu Superspreadern werden. Und sie sind vergleichsweise leicht einzugrenzen, was auch dringend geboten ist – und was nicht zu Lasten einer Familie mit Kleinkindern aus Berlin-Friedrichshain gehen darf, die seit Monaten in ihrer Mietwohnung ausharrt, ihre sozialen Kontakte auf ein Minimum reduziert und zwei Wochen Herbsturlaub in einem Ferienhaus in der Uckermark bestimmt bitter nötig hat. Doch alle werden über denselben Kamm geschoren von einer Politik, die nur noch Freund und Feind kennt, nur noch sichere Häfen und Risikogebiete.

          Die Kanzlerin hat recht: Wir alle fahren gerade auf dem Dampfer Deutschland durch rauhe See und haben unser Schicksal selbst in der Hand. Manchmal aber kommt es uns so vor, als stünde Kapitänin Merkel mit ihren Leichtmatrosen Söder und Spahn im Zustand permanenter prophylaktischer Panik am Steuerrad. Und das ist beunruhigender als jede morgendliche Wasserstandsmeldung des Robert-Koch-Instituts.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

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