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Universitäten : Keine Rede von den Studenten

  • -Aktualisiert am

Erstsemesterbegrüßung an Universität Koblenz-Landau Bild: dpa

An den Universitäten wird zum Start des Wintersemesters wieder viel über Geldmangel geklagt. Gleichzeitig preist die Politik den Wert der Bildung. Es muss Heuchler im System geben.

          Mitte Oktober hat an vielen deutschen Universitäten das Wintersemester begonnen. Aus den Leitungen der Hochschulen hört man Klagen. Niemand muss raten, woran es fehlt. Seit Jahren sind die Universitäten schlecht ausgestattet. Es ist ermüdend, das zu wiederholen, alle sagen es ständig, jeder Funktionär bei jeder Rede, nichts tut sich. Zwingender Schluss: Es muss Heuchler im System geben. Es sind dieselben, die bei jeder Gelegenheit Bildung und Wissenschaft als Schlüssel für die Zukunft beschwören.

          Das jüngste Beispiel ist die Stipendienfinanzierung (Bafög). Demnächst wird knapp eine Milliarde Euro im Jahr für die Länder frei, weil der Bund die Kosten übernimmt. Doch davon wird nur ein Teil in den Hochschulen und Schulen bleiben. Mancherorts, wie in Niedersachsen, gar nichts. Außer Hessen hat sich kein Land auf den ursprünglichen Sinn der Maßnahme verpflichtet, die Entlastung nicht für andere Haushaltsposten zu verwenden. In zwölf von sechzehn Ländern sind die Grundmittel pro Student heute geringer als im Jahr 2000.

          Die Unterfinanzierung selbst hat zwei Gründe. Die Universität kann nach politischem Dafürhalten gar nicht inklusiv genug sein. Gebühren gelten als nicht durchsetzbar, auch wenn es nur um fünfzig Euro im Monat ginge. Gerade ist eine halbe Million Studenten hinzugekommen, eine Rekordzahl. Wenn Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) behauptet, die „Betreuungsrelation“ habe sich trotzdem nicht verschlechtert, spielt sie mit Zahlen. Die Professorenstellen sind bei rasantem Anstieg der Studentenzahlen so gut wie nicht gewachsen. Der akademische Nachwuchs hat als einzige Perspektive den Daueraufenthalt in Projekten. Es sind vor allem Lehrbeauftragte mit befristeten Verträgen, die notdürftig auffangen, was andrängt.

          Leere Bologna-Versprechen

          Wichtiger aber ist ein anderer Effekt des Wachstums: Der Begriff „Hochschulreife“ wird nominell durch ein Zertifikat belegt, dessen Substanz unklar ist. Vom Schulsystem wird erwartet, möglichst viele damit auszustatten, das Schulsystem kommt dem nach. Also nehmen die Hochschulen nicht nur immer mehr und immer jüngere Studenten auf, sondern auch solche mit immer unterschiedlicheren Voraussetzungen.

          Das machte es dringend, vor allem in die Lehre der universitären Eingangsphase zu investieren. Und zwar nicht nur Geld, sondern auch Gedanken, was gute Lehre sein könnte. Es muss inzwischen an den Hochschulen selbst für Hochschulreife gesorgt werden. Die Zahlen sind eindeutig. Das Versprechen, mit der Bologna-Reform werde der Anteil der Studienabbrecher gesenkt, war haltlos. 35 Prozent aller Bachelorstudenten an Universitäten geben das Studium auf. Aber gut, mag man sagen, es wurde ja ohnehin kein einziges Versprechen der Bologna-Reform gehalten. Es muss Heuchler im System geben.

          Mit den mitunter absurden Studienbedingungen haben die Wissenschaftsfunktionäre längst ihren Frieden gemacht. In ihren Reden kommt diese Wirklichkeit der Universität nicht vor. Nachvollziehbarerweise, denn sie - die Ministerien, die Universitätsleitungen, die Rektorenkonferenz, der Wissenschaftsrat - haben die Ursachen ja gutgeheißen. Die Überladung mit Kursen, das sinnlose Pressieren, das doch nicht zu schnelleren Abschlüssen führt, die Parodie auf Prüfungen, die Noteninflation, das Ersticken des Personals in Verwaltung („Evaluation“), der Tanz um den Drittmittelfetisch - das alles fiel nicht vom Himmel.

          Minderschätzung der Lehre

          Insofern hat der Ruf nach mehr Geld auch etwas von einem Ablenkungsmanöver, weil er ziemlich viel Schweigen über eigene Irrtümer einschließt. Wenn über Geld geredet wird, macht man sich vor allem um die Bausubstanz und um die Forschungsexzellenz Sorgen. Von den Studenten spricht kaum jemand. Ihnen meint man Unterricht von der Stange zumuten zu können. Was anderes soll Lehrbeauftragten möglich sein, die jede Woche bis zu sechzehn Stunden Seminar halten sollen? Und nach wie vor gelten bei Berufungen lange Publikationslisten oder Drittmittelstärke hundertmal mehr als die Fähigkeit, verständig mit jungen Leuten Sachdiskussionen zu führen.

          Hervorgebracht hat diese Minderschätzung der Lehre inzwischen ein rein taktisches Verhalten vieler Studenten und Professoren zur Universität. Beide Gruppen träumen insgeheim davon, gar nicht mehr anwesend sein zu müssen. In Nordrhein-Westfalen gibt es jetzt das erste Hochschulgesetz, das eine Anwesenheitspflicht der Studierenden verneint. Fehlt nur noch eines, das sie auch für das Lehrpersonal für unzumutbar hält. Man muss die Willkommensgrüße dieser Tage vor diesem Hintergrund sehen.

          Das alles darf aber nicht hingenommen werden. Man fragt sich, warum Opposition in der Hochschulpolitik nicht möglich ist, wenn ihr Mainstream sich so darstellt. Man fragt sich auch, weshalb der Widerstand der Hochschullehrer selbst auf vereinzelten Protest beschränkt bleibt. Und man fragt sich, warum die Universitäten die Intelligenz, die sie repräsentieren, nicht mehr auf sich selbst anwenden.

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