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Hochschulen : Uni ohne Abi

  • -Aktualisiert am

Kritische Masse im Hörsaal Bild: dpa

Hochschulbildung wird zum Normalfall, wenn beruflich Qualifizierte an die Universitäten strömen.

          2 Min.

          Wo trübe Aussichten auf eine karge Bildungslandschaft vorherrschen, müssen am Jahresende Superlative her. Gerade erst verkündete das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), was schon die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes erahnen ließen: Bis Ende 2050 halte der Ansturm auf die Hochschulen an! Ein „Ende des Hochplateaus der Studiennachfrage in Deutschland“ sei nicht in Sicht.

          Und schon ereilt den universitären Kosmos die nächste Erfolgsmeldung: Studenten ohne Abitur seien genauso erfolgreich wie Studenten mit Abitur! Das gelte „in besonderem Maße für die erzielten Studiennoten und den Studienfortschritt“, freut sich das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das eine entsprechende Studie gemeinsam mit der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführt hat. „Nicht-traditionelle Studierende“, so werden die Studenten ohne Abitur genannt, würden den „spezifischen Anforderungen ihres Studienfachs in ähnlicher Weise gerecht wie andere Studierende“, ihre Examensnoten seien fast genauso gut. Das überrascht die nicht-traditionellen Betroffenen sogar selbst, ist der Studie zu entnehmen, deren Anlass nach eigener Auskunft „die weitere Öffnung des Hochschulzugangs für beruflich Qualifizierte ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung“ ist.

          Alle werden immer schlauer

          Also noch mehr Studenten! „Hochschulbildung wird zum Normalfall“, sagt das CHE; es liegt mal wieder an der Herkunft, sagt das DZHW. Bildungsferne Schichten, so schließen wir daraus, sollen schließlich auch zu ihrem Recht kommen. Und so ist allenthalben positive Resonanz zu vernehmen, schließlich belegen die Zahlen, dass alle immer schlauer werden – der zivilisatorische Fortschritt schlechthin: mehr Demokratie, mehr Gleichheit, mehr Masse.

          Und schon wollen alle mehr Geld, obwohl das Bundesbildungsministerium doch gerade erst verkündet hat, dass die Bildungsausgaben deutlich gewachsen seien (wohin eigentlich, fragt man sich; das mittlerweile schon traditionelle Prekariat des akademischen Mittelbaus wird von diesem Geldsegen jedenfalls kaum profitieren). Keiner aber hält inne und erinnert sich daran, dass zur gar nicht mehr so neuen Normalität der gesellschaftsumfassenden Hochschulausbildung eine ebenfalls schon allseits bekannte Noteninflation gehört, deren Ende nicht abzusehen ist. Könnten die guten Noten der abiturfreien Studenten nicht vor allem ein Indiz dafür sein, wie wenig diese Bewertungsziffern samt Abitur noch aussagen? Hauptschule, Realschule, Gymnasium, egal, jeder bekommt auf der Uni eine Eins – ist das die neue Devise, die hier gefeiert wird?

          Das CHE fordert „erhöhte Prämien pro Studienanfänger(in)“ und verstärkt damit das Problem, das es doch eigentlich bekämpfen will (oder?). Das DZHW suggeriert, dass eine nichtakademische Ausbildung weniger wert sei als ein Studium, von dem sich die Studenten beruflichen Aufstieg erhofften, und gebietet dem gefährlichen Trend zum Lehrlingsmangel damit jedenfalls keinen Einhalt. Die Universität ist keine Berufsausbildungsstätte. Wer alle Hürden fallenlässt, beraubt sich selbst seiner Exklusivität. Wer Differenzen an Fähigkeiten und Neigungen nicht aushalten kann, der verschreibt sich einem blinden Egalitarismus, der die bildungsfernen Schichten auch nicht retten wird. Wenn das die neue Normalität der Universität sein soll, helfen auch keine Superlative mehr, auch nicht mit guten Vorsätzen für das neue Jahr.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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