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Jürgen Kaube (kau)

Unislamisches Schachspiel : Glückssache

  • -Aktualisiert am

Schach ist laut Großmufti Scheich Abdulaziz Al al-Sheik „eine Verschwendung von Zeit und Geld.“ Bild: Rainer Wohlfahrt

Der Großmufti Saudi-Arabiens hat das Schachspielen für unislamisch erklärt, weil es vom Beten ablenke. Die Begründung seiner Fatwa ließe sich aber auch auf so einiges anderes anwenden.

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          Der Großmufti Saudi-Arabiens hat gerade das Schachspielen für unislamisch erklärt. Die Begründung seiner Fatwa lautet, Schach lenke vom Beten ab, könne süchtig machen, verschwende Zeit sowie Geld und führe zu Rivalitäten.

          Da hat er selbstverständlich recht. Gerade was das Beten angeht, ist es ja tatsächlich so, dass die meisten Dinge geeignet sind, davon abzulenken. Über der Ölförderung etwa, beim Auspeitschen von Regimegegnern oder beim Einkaufengehen in Prada-Boutiquen kann man das Gebet sowie generell Gott ganz leicht vergessen. In all das kann man sich hineinsteigern. Zwar verschwendet die Ölförderung natürlich kein Geld, das man in Prada-Boutiquen ausgeben kann, aber die Suchtgefahr ist beim Einkaufen so wenig von der Hand zu weisen wie beim Tugendhaftsein.

          Nur, wenn es schlecht gespielt wird

          Früher soll der Großmufti, sagt Wikipedia, auch schon einmal Barbiepuppen, weil unverschleiert, den gemeinsamen Aufenthalt von Frauen und Männern in einem Raum, weil unzüchtig, und außerdem Spielkarten, weil so halt, verboten haben. Und er hat von Aprilscherzen dringend abgeraten. Nicht einmal zum Spaß solle ein Muslim lügen. Das hätte er fast noch schärfer sagen können: Gerade Spaß lenkt vom Beten ab. Die Behauptung des Großmuftis allerdings, Schach sei ein Glücksspiel, müssen wir zurückweisen.

          Das ist es nämlich nur dann, wenn es schlecht gespielt wird, was wiederum für die meisten Dinge unter dem Himmel gilt, dass sie desto stärker der Zufälligkeit anheimfallen, je gedankenloser es im Umgang mit ihnen zugeht. Meinungen über Barbies, über Sexualität und andere Spiele des Glücks, über Sittlichkeit und Spaß beispielsweise bekommen gern etwas Zufälliges, wenn sie ahnungslos entwickelt werden.

          Es meldet sich dann, wenn wir das einmal im einschlägigen Vokabular so formulieren dürfen, der protestantische Impuls, sich von Mönchen nichts über Frau und Mann sagen zu lassen, von Religionspolizisten nichts über Gott und von Leuten, denen das Vergnügen am Verstand fremd ist, nichts über Schach.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

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