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Identitätspolitik : Schuld ist kein Schicksal

Gegen schicksalhafte Festlegungen in der Politik: Wolfgang Thierse Bild: dpa

Mit seiner Kritik an den Auswüchsen der Identitätspolitik hat Wolfgang Thierse für Aufsehen gesorgt. Die Universität Münster setzt die Debatte mit Thierse nun fort. Die allgemeine Unsicherheit ist mit Händen zu greifen.

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          Der Gemeinschaftsbeauftragte, den Wolfgang Thierse in seiner Kritik der Identitätspolitik gefordert hat, hätte viel zu tun, wollte er alle Risse kitten, die der Artikel im Gefüge seiner Partei aufgerissen hat. Die nachfolgende Debatte bestätigte Thierses Diagnose. Zunächst wurde er von der um Haltung ringenden SPD-Parteispitze zum Schandfleck erklärt, bevor man ihm halbherzig wieder die Hand reichte, andere nannten ihn gleich einen Nazi, als wollten sie die Intoleranz des identitätspolitischen Lagers noch einmal unterstreichen.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Dabei war der Essay eigentlich nur ein Appell zur Mäßigung in dem seit langem schwelenden Konflikt. Die Parteipolitik musste nun aber Farbe bekennen. Bei den Grünen, den Vorreitern der Identitätspolitik, gab es ein leises Rumoren, das die Parteispitze mit dem Hinweis beiseiteschob, man habe mit der Sache eigentlich nichts am Hut. Identität habe viele Facetten. Ganz unabhängig davon, ob man Identitätspolitik nun offen oder unter der Hand betreibt, war damit die Frage aufgeworfen, ob Identität überhaupt eine politische Kategorie ist oder nur eine Spielwiese fragmentierter Subjekte, denen das Gemeinwesen fremd geworden ist. Zumindest eine Demokratie ist ja auf reflexive Individuen angewiesen, die bereit sind, auch einmal von sich und ihrer Herkunft abzusehen.

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