https://www.faz.net/-gqz-7oqmn

Unglück vor Südkorea : Das Schiff sind wir alle

  • -Aktualisiert am

Rettungsarbeiten vor der Küste Südkoreas Bild: dpa

Die untergegangene Fähre „Sewol“ ist nicht bloß ein Problem der Koreaner. Der Kapitän, der das sinkende Schiff verlässt, ist die perfekte Verkörperung der neoliberalen Ideologie, wonach Gemeinsinn nur eine Illusion ist.

          Das Fährunglück, das sich kürzlich vor der Küste Südkoreas ereignet hat, lässt sich nicht als ein Unfall abtun, der allein durch die Nachlässigkeit oder Unprofessionalität der Crew verursacht wurde und sich auf landestypische Gegebenheiten von Südkorea zurückführen ließe. Es verrät viel über unsere Welt selbst. Die „Sewol“ lässt sich sogar als Signatur der Gegenwart, ja als eine Metapher unserer heutigen Gesellschaft deuten.

          Von allen Seiten wurde der Kapitän allein für das Fährunglück verantwortlich gemacht. Die südkoreanische Präsidentin Park Geun-hye wirft ihm Mord vor. Verantwortlich für dieses Unglück ist aber zunächst die neoliberale Politik des Ex-Präsidenten Lee Myung-bak, der auch Manager von Hyundai war.

          In der Regel dauert ein Schiffsleben zwanzig Jahre. 2009 wurde es aber auf die Anordnung der unternehmensfreundlichen Regierung auf dreißig Jahre verlängert. Diese Neuregelung fand im Zuge neoliberaler Deregulierung statt, die damals die Regierung von Lee Myung-bak forcierte. Wenn die Zwanzig-Jahre-Regelung weiterhin Bestand hätte, hätte die Reederei das schon 18 Jahre alte Schiff, das in Japan kurz vor der Ausmusterung stand, nicht erworben. Die rein profitorientierte Unternehmenspolitik erhöht massiv das Unfallrisiko. Kosten senken, effizient wirtschaften, dieses neoliberale Diktum geht auf Kosten des Menschenlebens und der Menschenwürde.

          In Korea wurden auch die Rettungsdienste bei Unfällen auf See in der Vergangenheit teilprivatisiert. Privatisierung der Rettungsdienste, die angeblich Kosten senken soll, stellt aber ein Risiko dar. Da im Falle der „Sewol“ sich auch Rettungstaucher der Marine an der Bergung der Passagiere beteiligten, ist anzunehmen, dass es dabei zu Koordinationsproblemen kam, die womöglich zur Verzögerung der Rettungsarbeit führten.

          Unter diesen Bedingungen entsteht kein Gefühl der Verantwortung

          Es ist auch bekannt geworden, dass die meisten Besatzungsmitglieder der „Sewol“ die sogenannten „Irregulären“ waren. Sie hatten einen befristeten Arbeitsvertrag. Der Kapitän selbst hatte einen nur auf ein Jahr befristeten Arbeitsvertrag mit einem sehr niedrigen Lohn. Er soll nur dem Namen nach Kapitän gewesen sein, ohne Autorität. Unter solchen Arbeitsbedingungen entstehen kein Engagement, keine starke Bindung an das Schiff und auch kein Gefühl der Verantwortung. So rettet man zunächst sich selbst, wenn es geht. Der eigentliche Mörder ist nicht der Kapitän, sondern das neoliberale System. Hier kann man von einer systemischen Gewalt sprechen, auf die solche Unfälle zurückgehen.

          Eine Festanstellung ist in Korea heute sehr rar. Die Arbeitswelt besteht zunehmend aus „Irregulären“. Allgemeine Befristung der Arbeit zerstört aber die Moral. In Südkorea wurde die Festanstellung radikal abgeschafft durch die neoliberale Agenda, die im Zuge der Asienkrise auf den Druck des IWF rigoros durchgesetzt wurde. Davor war das Arbeitsverhältnis praktisch unkündbar. Seit der Neoliberalisierung der Wirtschaft ist das soziale Klima in Südkorea sehr rauh und unmenschlich. Jeder denkt nur noch an sich, an sein eigenes Überleben. Der Gemeinsinn zerfällt.

          Angehörige hoffen immer noch auf die Rückkehr ihrer Kinder

          Südkoreanische Politiker eilten zum Unfallort, um sich zu profilieren. Sie machten dort vor allem Fotos. Die südkoreanische Präsidentin wurde kritisiert, als sie sich beim Unfallort ablichten ließ, mit einem fünfjährigen Mädchen, das noch gerettet werden konnte. Politische Handlungen oder Taten, durch die sich Politiker auszuweisen, auszuzeichnen hätten, sind heute rar bis unmöglich, nicht nur in Korea. Das ist ein Symptom unserer neoliberalen, angeblich alternativlosen Gesellschaft, die den systemischen Zwängen unterworfen ist. Unmöglich ist hier eine Politik, die eine Alternative formulieren würde. Diesen Zustand nennt der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch „Postdemokratie“. Die systemischen Zwänge machen die politische Handlung im emphatischen Sinne unmöglich.

          Eine Folge der Arbeitspolitik

          Es ist eine allgemeine Tendenz in unserer neoliberalen Welt, für mehr Profit und Effizienz die Arbeit zu flexibilisieren. Schon heute wird man häufig nur für ein Projekt angestellt. So entsteht keine starke Bindung an das Unternehmen. Auch bei den heutigen Managern ist die Identifikation mit dem Unternehmen sehr schwach. Sie verlassen, etwas überspitzt formuliert, als Erste das Unternehmen, wenn es zu sinken beginnt. Der Neoliberalismus zerstört allgemein Bindungen und Vertrauen, um Effizienz zu erhöhen.

          Das Verhalten des südkoreanischen Schiffskapitäns ist zumindest teilweise eine Folge der neoliberalen Arbeitspolitik. Sie macht die Emphase „Mein Schiff“ kaum möglich, die dem Kapitän eine moralische Verantwortung auferlegen würde. Kein Kapitän verlässt „Sein Schiff“ als Erster. Bei einem ähnlich verheerenden Schiffsunglück, das sich in Korea vor zwanzig Jahren ereignet hat, war das Verhalten der Crew ganz anders. Kein Besatzungsmitglied hat das Unglück überlebt.

          Normalerweise identifiziert sich der Kapitän stark mit seinem Schiff. Er teilt das Schicksal mit ihm. Das ist eine Frage der Ehre. Der Kapitän der „Titanic“, John Edward Smith, stand bis zum letzten Augenblick auf der Kommandobrücke, bis ihn das Wasser hinwegspülte. Als er in der Nähe eines Rettungsbootes gesehen wurde, habe er die Rettung abgelehnt.

          Solches Ethos ist heute kaum vorhanden. Das lässt sich nicht auf Südkorea beschränken. Es ist kein Zufall, dass auch der Kapitän der „Costa Concordia“ zunächst an sein eigenes Überleben dachte. Die Gesellschaft von heute ist selbst eine Gesellschaft des Überlebens. Jeder ist nur mit dem eigenen Überleben beschäftigt.

          Der Erfinder des Begriffs „Neoliberalismus“ ist der Wirtschaftswissenschaftler Alexander Rüstow. Er behauptet aber, dass die Gesellschaft, überlässt man sie nur dem Marktgesetz, inhumaner wird und erstarrt. Daher fordert er eine „Vitalpolitik“, die Solidarität, Gemeinsinn und Menschlichkeit zu generieren hat. Die heutige Form des Neoliberalismus produziert dagegen lauter Egos, Unternehmer ihrer selbst.

          Jeder denkt an sein eigenes Überleben

          Der Wettbewerb ist, so Rüstow, ein Ordnungsprinzip auf dem Gebiet der Marktwirtschaft, aber er ist kein Prinzip, auf dem man die ganze Gesellschaft aufbauen könnte. In moralischer und gesellschaftlicher Hinsicht sei der Wettbewerb eher ein auflösendes als ein vereinendes Prinzip. Der heutige Totalwettbewerb führt zum Zerfall der Gesellschaft, zur Zerstörung der menschlichen Beziehung.

          Es ist typisch für die heutige Zeit, dass nicht nur der Kapitän, sondern jeder von uns zunächst an sein eigenes Überleben denkt. Jeder ist heute, so sagt man, Unternehmer seiner selbst. Da ist es beinahe selbstverständlich, dass man zunächst sich selbst rettet und nicht an den anderen denkt. Der Neoliberalismus vereinzelt uns. Jeder agiert allein für sein eigenes Überleben. So gesehen, ist die „Sewol“ ein Mikrokosmos der neoliberalen Gesellschaft. Wenn der Gemeinsinn weiter zerfällt, droht unsere Gesellschaft selbst zu versinken.

          Es ist zu erwarten, dass die Politiker angesichts des Schiffsunglücks wieder Transparenz und Kontrolle beschwören werden, um Missstände aufzudecken, die zum Unglück geführt hätten. Aber diese Forderung nach mehr Transparenz und Kontrolle wird die eigentliche Ursache nicht beseitigen können. Sie wird weder Vertrauen noch Gemeinsinn herstellen. Die verlorene Moral kehrt nicht zurück.

          Vertrauen wird heute durch Kontrolle ersetzt

          Das Vertrauen ist ein Bindemittel, das eine Gesellschaft zusammenhält. Das Gefühl, aufeinander vertrauen zu können, stabilisiert die Gesellschaft. Das Vertrauen wird heute durch Transparenz und Kontrolle ersetzt. Oft wird gesagt, die Transparenz stelle das Vertrauen wieder her. In Wirklichkeit entsteht die laute Forderung nach Transparenz gerade in einer Gesellschaft, in der das Vertrauen radikal schwindet. Der Imperativ der Transparenz deutet auf das Ende der Vertrauensgesellschaft hin.

          Das Vertrauen ist ein Glaubensakt. Wenn alle Informationen über eine Organisation oder über eine Person vorliegen, erübrigt sich das Vertrauen, denn das Vertrauen setzt ein Nicht-Wissen voraus. Trotz fehlendem Wissen geht man eine positive Beziehung mit den anderen ein. Darin besteht das Vertrauen. Andererseits entsteht Korruption gerade in einer Gesellschaft, in der Solidarität und Gemeinsinn verschwinden, in der jeder zunächst an seinen eigenen Vorteil denkt. Transparenz und Kontrolle können zwar die Korruption verhindern, aber sie stellen weder den Gemeinsinn noch das Vertrauen wieder her. Die Korruption ist ein Symptom einer tiefer liegenden Ursache. Die Transparenz beseitigt nur das Symptom. Die Ursache, nämlich der schwindende Gemeinsinn oder zunehmender Egoismus, bleibt weiter bestehen.

          Der untergegangene Koloss: Die Reste der Fähre „Sewol“ vor Südkoreas Küste

          Der ADAC-Skandal ist auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. In einem gemeinnützigen Verein, der seine Tätigkeit nicht nach rein wirtschaftlichen Zwecken ausrichtet, ist die Gefahr einer Korruption gering. Sie ist erhöht in einem profitorientierten Unternehmen. Es ist bekannt geworden, dass der Automobilclub sich ein Imperium an Tochtergesellschaften gebildet hat, deren Erträge sich 2012 auf mehr als eine Milliarde Euro beliefen. Anlässlich des ADAC-Skandals forderte auch Horst Seehofer „totale Transparenz“. Diese totale Transparenz führt zu totaler Kontrolle, die das Ende der Vertrauensgesellschaft bedeutet.

          Der Untergang der „Sewol“ ist der Ausdruck einer Krise. Er steht für ein Bündel von Problemen, die uns alle betreffen: Der schwindende Gemeinsinn, der zunehmende Egoismus, das neoliberale Profitdenken, die Krise des Vertrauens und der Verfall der Moral.

          Dem Schiffsnamen gab der Eigentümer der Reederei eine eigenwillige Bedeutung, indem er ihm zwei chinesische Zeichen zugrunde legte, die zusammen „Jenseits der Welt“ bedeuten. Der Name „Sewol“ stand aber auf dem Schiff auf Koreanisch, so dass niemand auf diese Bedeutung gekommen wäre. Im Koreanischen hat „Sewol“ eine andere Bedeutung. Das Wort lässt sich schwer ins Deutsche übersetzen. Es deutet auf die Flüchtigkeit der Zeit, auf die fehlende Beständigkeit, auf Vanitas hin. Es bringt genau das Zeitgefühl, das Lebensgefühl von heute zum Ausdruck, dem jede Dauer fehlt. Das menschliche Leben ist nie so vergänglich gewesen wie heute. Wir sind mehr denn je mit dem Überleben konfrontiert, während die gemeinsame Sorge um das gute Leben nicht vorhanden ist. Es gibt heute nichts, was Dauer und Bestand verspräche. Das Versinken geht auf den fehlenden Halt zurück. Es ist wohl das Grundgefühl der Gegenwart.

          Weitere Themen

          Werner Herzog stellt neuen Film vor Video-Seite öffnen

          Filmfestspiele in Cannes : Werner Herzog stellt neuen Film vor

          "Family Romance, LLC" erzählt die Geschichte darüber, dass man in Japan Menschen mieten kann, damit sie zum Beispiel die Rolle toter Verwandter einnehmen. Werner Herzog zähltzu einem der wichtigsten Vertreter des „Neuen Deutschen Films".

          Topmeldungen

          Theresa May am Dienstag

          May für neues Referendum : Zwei Köder für die Labour Party

          Mit neuen Vorschlägen versucht die britische Premierministerin May, die Abgeordneten der Labour Party, die das EU-Austrittsabkommen bislang abgelehnt haben, umzustimmen. Kann das gelingen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.