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Unglück von Smolensk : Nationaltragödie, zweiter Teil

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Trauernde entzünden Kerzen auf dem Pilsudski Platz in Warschau zum Gedenken an die Opfer des Flugzeugabsturzen Bild: dpa

Nicht nur Lech Walesa spricht vom Verlust der Besten des Volkes: Der Unfalltod des Präsidenten und seiner Begleiter ruft in Polen alte Gespenster auf den Plan. Doch das Land ist stabil und handlungsfähig - und die Idee der Elite hat sich gewandelt.

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          Ohne Katyn wären die Polen heute eine andere Nation“: Dieser Satz wurde im September 2007, nach der Warschauer Premiere von Andrzej Wajdas „Katyn“, in den Medien oft zitiert. Er stammte von dem Produzenten des Films, Michal Kwiecinski, wurde aber bald dem Regisseur zugeschrieben, der, selbst Sohn eines vom sowjetischen Geheimdienst NKWD ermordeten Offiziers, bereitwillig den darin enthaltenen Gedanken aufgriff. „Abgesehen davon, dass viele von uns ihre Väter und Brüder nicht verloren hätten“, sagte er damals gegenüber dieser Zeitung, „hätten wir weiterhin einen Großteil unserer Elite gehabt, also all diese Professoren, Ärzte, Historiker und Lehrer, die in Katyn ums Leben gekommen waren.“

          Andrzej Wajda meinte damit, dass die in Katyn Ermordeten der Oberschicht der polnischen Vorkriegsgesellschaft angehörten, dem Adel und dem Bürgertum, und dass zu ihren Qualitäten nicht nur Bildung und Fachkompetenz gehörten, sondern auch Patriotismus, Religiosität und ein bestimmter Ehrenkodex, der ihrem Verhalten enge Schranken setzte.

          Letzteres zeigte Wajda nicht zuletzt in den ersten beiden Szenen seines Films: Es ist der 17. September 1939. Auf einer Brücke über dem Grenzfluss Bug stoßen zwei Flüchtlingsströme aufeinander: Die einen fliehen vor den Deutschen, die anderen vor den Russen. In der Menschenmenge ist eine junge Frau, die fieberhaft nach ihrem Mann, einem Offizier der besiegten polnischen Armee, sucht. Sie findet ihn bald in einem schlecht bewachten sowjetischen Gefangenenlager, doch nur um zu erfahren, dass seine Offiziersehre ihm verbietet, mit ihr zu fliehen. Ein Verhalten, auf die Wajdas polnische Zuschauer mit Verständnis und Akzeptanz, westliche Korrespondenten hingegen mit Verblüffung reagierten: Ein Mann in Todesgefahr, der eine Fluchtmöglichkeit nicht nutzt, war für sie kein Ehrenmann, sondern ein Versager.

          Vor dem polnischen Präsidentenpalast
          Vor dem polnischen Präsidentenpalast : Bild: AP

          Gespenster der Geschichte

          Wer in den letzten zwei Tagen die Bilder von dem tragischen Flugzeugabsturz in Smolensk sah und die ersten Reaktionen der polnischen Prominenz hörte, konnte ähnliche Assoziationen haben. In Katyn sei erneut die polnische Elite umgekommen, sagte unmittelbar nach der Katastrophe Lech Walesa, und auch diesmal finden sich immer mehr Medien, die diesen Satz eifrig aufgreifen. Doch die Analogie stimmt nur bedingt, und man sollte sie, bei allem Respekt für die Opfer des Unglücks, nicht überstrapazieren. Bei den Ermordeten von 1940 handelte es sich um fast 22.000 Männer, darunter vor allem Offiziere, Polizisten, Intellektuelle, die in der Tat den Großteil der Elite einer damals führungslosen, sich im Krieg gegen zwei Übermächte, Deutschland und Sowjetunion, befindenden Nation bildeten und deren Abwesenheit auch nach dem Krieg schmerzlich vermisst wurde. „Als 1945 der Wiederaufbau Polens begann“, so Wajda ferner, „hatten wir ihren Verlust sehr stark gespürt, denn diese Männer hätten eine große Rolle im öffentlichen Leben gespielt - unabhängig davon, welches politische Schicksal dem Land bevorstand. Unsere Vorkriegsintelligenz war sich ihrer Verantwortung und ihres Stellenwerts in der Gesellschaft sehr bewusst, und sie hätten sich dementsprechend verhalten. Stattdessen war alles plötzlich vorbei, wie in einem Traum. Und wir mussten wieder ganz von vorn anfangen.“

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