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Im Gespräch: Moritz von Uslar : Unglaublich lustig, nächste Frage bitte

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Ich hab mich mal am meisten geschämt, als ich Julianne Moore interviewt hab. Ich hatte keine Ahnung, was ich mit der reden soll, weil ich kenne die ja gar nicht, also dachte ich, am besten rede ich mit ihr über ihren neuen Film. Und der ging um eine Dreiecksgeschichte, womit das Thema Untreue quasi vorgegeben ist. Und dann sitze ich da und frage Julianne Moore über Untreue. Und sie antwortet auch noch. Und ich denke die ganze Zeit, was mache ich hier eigentlich.

Ich glaube auch, der Fragensteller schämt sich mehr als der Antwortgeber, und auch zu Recht. Man redet plötzlich über Sex, über Untreue mit einem Menschen, den man gar nicht kennt. Diese Sachen würde man noch nicht mal mit seiner Ehefrau besprechen. Und die geben dann Auskunft. Das ist einfach ein sehr schamvoller Vorgang. Als Star würde ich diese Fragen nicht beantworten. Ich würde sagen, das ist ja unglaublich lustig, nächste Frage bitte.

So wie Hillary Clinton bei dir einmal, die hat einfach alles weggelacht.

Ja, Hillary Clinton hat diesen schönen Trick gemacht, sich einfach die ganze Zeit kaputtzulachen. Und ich hatte das Gefühl, Mann, läuft das gut, bis ich dann später gemerkt habe, ich hab ja nur Gelächter auf dem Band.

Hattest du auch mal Lust, mittendrin aufzustehen und zu gehen?

Voll, ja. Ich hab mal mit Marc Jacobs zusammengesessen, dem Modemacher, und hab so ab Frage 35 gedacht, das ist so unmodern, das ist so neunziger Jahre, so egal. Ich hab das dann aus Langeweile bei Frage 66 abgebrochen – das reicht, danke, mehr brauchen wir hier nicht. Einerseits ist Marc Jacobs zwar ein riesiger Star, aber ich find den als Typ so wurscht.

Du hast mal einen Vortrag gegeben: „Eintausend zeitlose Thesen zur Kunst des Interviewführens“. Eine war: „Wer Fragen stellt, muss die Antwort schon kennen.“ Aber manchmal verschätzt man sich doch, und dann macht es eigentlich erst richtig Spaß, oder nicht?

Ja, stimmt. Das sind eigentlich ganz beglückende Momente. Vielleicht ist der Satz falsch formuliert, vielleicht müsste man sagen: Wer Fragen stellt, hat idealerweise schon eine Idee von der Antwort.

Eine andere: „Wer glaubt, er erfährt etwas, weil er Fragen stellt, der spinnt.“ Findest du das wirklich? Idealerweise könnte bei einem Interview die Hoffnung doch sein, dass irgendetwas zum Vorschein kommt, was man so noch nicht über die Person gewusst hat, nein?

Ich stelle nicht Fragen, weil ich etwas erfahren will. Ich stelle Fragen, weil ich spielen möchte. Weil ich mit einer Person warm werden möchte. Weil ich sozusagen einen Austausch herstellen möchte. Das reicht mir schon. Etwas erfahren ist doch Kitsch. Wenn ich dich was frage, erfahre ich auch nichts. Wenn ich andere über dich frage, erfahre ich vielleicht was. In der direkten Konfrontation etwas zu erfahren, halte ich für unmöglich. Was ich herstellen kann, ist ein Gefühl für dich. Wie du sprichst, wie du reagierst. Ich erfahre nicht so sehr über den Wortlaut etwas, als über die Art, wie du Dinge sagst.

Du hast in diesem Vortrag auch gesagt, welche drei Fragen du für die besten hältst. Ich stelle sie dir jetzt, in deiner Reihenfolge.

1. Wie geht’s?

Ein Klassiker. Zum Aufwärmen. Eine erste wohlwollende Geste. Meine Antwort ist immer: Danke, alles in Ordnung.

2. Worin besteht der Sinn des Lebens?

Keine Ahnung. Lass mal eine Sekunde überlegen... Ich würde sagen, der Sinn des Lebens besteht darin, aus der natürlichen und selbst verschuldeten Einsamkeit herauszutreten und in Kontakt zu treten mit Menschen.

Und 3. Sind Sie bzw. bist du gerade verliebt?

Komplett. Ist doch schön, oder? Ist doch auch ’ne gute Antwort: komplett.

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