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Ungeliebte Bücher : Der Phantomleser

Dieser Bestseller muss keine Angst vor der Papiertonne haben: Beruhigende Szene in der Bibliothek der Deutschen Bundesbank in Frankfurt. Bild: Helmut Fricke

Um lange nicht entliehene Bücher vor der Ausmusterung zu retten, erfanden amerikanische Bibliothekare einen fiktiven Leser. Ihr Einsatz für die Buchkultur wurde nicht gedankt.

          Chuck Finley ist ein eifriger Besucher der East Lake County Library in Sorrento, einer Kleinstadt mitten in den Sümpfen von Florida. Dieser Herr Finley liest auf den ersten Blick recht unstrukturiert drauflos, Romane von John Steinbeck oder Kinderbücher. Interessanterweise liest er sie auch minutenschnell, denn oft gibt er sie nach der Ausleihe sofort wieder zurück. So schaffte er es, innerhalb von neun Monaten 2361 Bücher auszuleihen und die Leihquote der Bücherei im Alleingang um 3,9 Prozent anzuheben.

          Ein Schnellleser? Nein, ein Phantom: Chuck Finley existiert nur in der East Lake County Library und dort nur in der Kundenkartei, wie vor wenigen Tagen die Lokalzeitung „Orlando Sentinel“ berichtete. Der Bibliotheksleiter George Dore und sein Assistent Scott Amey erfanden ihn, gaben ihm eine Adresse und eine falsche Führerscheinnummer und ließen ihn Bücher ausleihen. Viele Bücher.

          Die scheinbar wilde Lektüreauswahl hat durchaus ein System. Finley interessierte sich nämlich nur für solche Bücher, die schon lange unbeachtet in der Bibliothek standen und denen deshalb ein grausames Schicksal bevorstand: die automatische Ausmusterung durch das elektronische Leihsystem. Wo die Maschine keine Gnade kennt, da muss der Mensch einspringen, dachten sich Dore und Amey und brachten ihren Phantomleser in Stellung.

          Das ist nun wirklich eine Überreaktion

          Als die Aufsichtsbehörde des Bezirks im November einen anonymen Hinweis bekam, flog die Sache auf und der Bibliothekschef Dore wurde vom Dienst suspendiert. Das sei nun wirklich eine Überreaktion, gab er zu Protokoll, denn er habe die ungeliebten, aber deshalb nicht unwichtigen und bestimmt vor einer baldigen Wiederentdeckung stehenden Bücher nur retten wollen, damit er sie nicht später für teures Geld neu anschaffen müsse. Außerdem sei diese Praxis auch in anderen Bibliotheken gang und gäbe.

          Man muss sich das einmal vorstellen: Weil einem System, das anhand von Daten Entscheidungen trifft und damit die Bibliothekare bevormundet, nicht anders beizukommen ist als mit der systematischen Fabrikation zusätzlicher Daten, erfinden landesweit Büchereiangestellte lauter Chuck Finleys und lassen sie Hunderttausende Bücher ausleihen, um sie vor der Papiertonne zu retten.

          Wie kommt man auf solche Ideen? Man liest Bücher. Vor zwanzig Jahren erschien der Science-Fiction-Roman „Bellwether“ von Connie Willis, der von einer Wissenschaftlerin handelt, die genau diese Strategie in ihrer örtlichen Bibliothek anwendet, während sie erforscht, wie Trends entstehen. Bellwether bezeichnet im Englischen so etwas wie einen Trendsetter, wörtlich einen Leithammel mit Glocke. Einer, der weiß, wo es langgeht, bevor der Rest der Herde es weiß. Vielleicht so jemanden wie George Dore, der das Leseverhalten seiner Kunden über viele Jahre studiert hat und weiß, was sie bald lesen wollen könnten, bevor sie selbst es wissen. Man sollte ihn wieder einstellen – und die Software mit sofortiger Wirkung zwangsformatieren.

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