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Ungarns neue Verfassung : Vom Leben in magischen Zeiten

  • -Aktualisiert am

Ungarns Präsident Pal Schmitt beim Unterschreiben der neuen Verfassung Bild: dpa

Tausend Jahre und kein bisschen weise: Das neue „Grundgesetz“ der Ungarn beruft sich auf Christentum und Heilige Krone. Ministerpräsident Orbán spricht trotzdem von der modernsten Verfassung Europas. Eine Budapester Farce.

          Der Ministerpräsident meines Landes, der turnusgemäß auch gerade Präsident der Europäischen Union ist, unterstrich in einem Beitrag für seine Leib- und Magenzeitung, welche Bedeutung das diesjährige Osterfest für die Ungarn habe. „Wir feiern“, schrieb Viktor Orbán, „nicht nur die Auferstehung Christi, wir feiern auch die Wiedererweckung Ungarns.“ Staatspräsident Schmitt erklärte am Ostermontag im Fernsehen, dass er die neue Verfassung unterschreiben werde. Anschließend sprach der Ministerpräsident von der modernsten Verfassung Europas.

          Das neue sogenannte „Grundgesetz“ beruft sich auf die tausendjährige Geschichte des ungarischen Christentums und auf die Werte der Familie. Die Heilige Krone dient nun als Symbol für den ungarischen Staat und die Kontinuität seiner Verfassung. Die Heilige Krone, soll das ein Witz sein, werden Sie sagen. Was hat die Heilige Krone in der modernsten Verfassung Europas zu suchen? Ist das hier ein Monty-Python-Sketch oder eine Werbekampagne für ein europäisches Irrenhaus?

          Ein magisches Objekt

          Was, wenn ich Ihnen sage, dass dies alles Teil eines raffinierten Plans ist, Ungarn und letztlich Europa aus der gegenwärtigen Krise herauszuführen? Ich weiß das von meiner Mutter, die im Fernsehen gehört hat, dass diese Leute wirklich die allerbesten Absichten verfolgen. Die Heilige Krone beweist nur, dass neokonservative Rückwärtsgewandtheit wieder en vogue ist, und so kann es auch nicht erstaunen, dass die modernste Verfassung Europas irgendwie mittelalterlich anmutet. Moderne und Rittertum sind schließlich nur zwei Seiten einer Medaille. Man denke nur an die legendären Kampfflieger aus dem Ersten Weltkrieg oder an die Tafelrunde von König Artus. Mittelalterlich und zugleich modern – und ein eindrucksvolles Symbol von Gleichheit.

          Diese Leute verfolgen wirklich die allerbesten Absichten. Oder?

          Nun, es kann ja nicht schaden, Gott auf unserer Seite zu haben, zumal wir eine säkulare Nation, ein säkularer Staat sind. Das ist so, als würde man außer dem Gürtel auch noch Hosenträger tragen. Mein Bruder, der wahrlich kein gläubiger Mensch ist, hat während des Studiums meine Mutter oft gebeten, vor einer Prüfung ein Gebet für ihn zu sprechen. Sie hat es getan, und er hat jedes Mal bestanden. Es könnte also geholfen haben, weiß man’s? Warum auf diese Chance verzichten, wo wir offenkundig eine tausendjährige funktionierende Verbindung haben. Wir müssen ja nicht sagen, wir seien gläubig, sagen wir einfach, wir sind flexibel.

          Am Dreikönigstag übernahm Ungarn die europäische Präsidentschaft, am Ostermontag wurde eine neue Verfassung angenommen – machen wir uns also auf eine Pfingstüberraschung gefasst. König Artus versammelte seine Ritter stets zu Pfingsten. Auch zur letzten Gralssuche brach man zu Pfingsten auf. Die Heilige Krone ist, genau wie der Heilige Gral, ein magisches Objekt, das die Wunden des Landes zu heilen vermag. Sie ist schön, keine Frage, und ihre Geschichte ist noch älter als die Legende der Tafelrunde. Dumm nur, dass sie tatsächlich existiert und in den letzten tausend Jahren das Leben von Millionen beeinflusst hat.

          Noch eine enorm runde Sache

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